Pater Shay Cullen & Heinz Kulueke
Im Kampf gegen Kinderprostitution zieht Pater Shay Cullen mehrmals im Jahr durch Europa. Zu Hause in Irland mit Arbeitsfeld in Manila, setzt sich der Priester aus dem Orden des Heiligen Columban seit 32 Jahren für Kin- der und Jugendliche auf den Philippinen ein.
Kinderprostitution auf den Philippinen falle auf Europa zurück, erklärte er bei einem Empfang in Murg. Der "Appetit" aus dem Urlaub führe zum Übergriff zu Hause. Diese Gier gehe durch alle Schichten der Bevölkerung bis in höchste gesellschaftliche Kreise.
Pater Shay Cullens Waffe heißt:
Wirtschaftlicher Aufschwung. Familien, die ein geregeltes Einkommen haben, brauchen ihre Kinder nicht auf die Straße zu schicken.
20 Mitarbeiter hat Cullen vor Ort auf den Philippinen
Auf diesem Weg erreichten die Forderungen nach Einhalten von Menschenrechten und Gesetzen auch die Philippinische Regierung. Seit sieben Jahren seien die Sex Tourismusläden in Regionen in denen sie ar- beiteten kontinuierlich rückläufig.
Philippinen : Zuflucht vor dem Kinderstrich
Cebu: Wer hierher kommt im Urlaub, der hat nur eins im Sinn: Frauen, Mädchen, Kinder - je jünger, des- to besser. Cebu-City, ein paar Flugstunden südlich von Manila.
Heimlich gedrehte Bilder: Eine der vielen Bars. Drinnen Sextouristen aus aller Welt - in Urlaubslaune. Für die meisten Mädchen hier - alles andere als ein Vergnügen.
Venchel Masayon ist heute 16 Jahre alt. Ihr erster Kunde war ein Deutscher: "Ich sollte ihn sexuell be- friedigen. Aber, ich wusste doch gar nicht wie das geht", erzählt sie, die damals erst 14 war. "Dann hat er es mit Gewalt gemacht. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen und habe immer wieder gerufen: Hör bitte auf, ich kann das nicht. Aber er hat einfach weitergemacht. Er hat mich behandelt wie einen Hund. Am Ende war bei mir alles voller Blut. Aber das war ihm egal, er hat mich liegen gelassen und ist gegangen - ohne zu bezahlen."
Cebu-City - Hochburg des internationalen Sextourismus
Eine Siedlung am Stadtrand von Cebu. Hier lebt Venchels Familie. Mutter Celia sorgt für sechs Kinder,so gut es eben geht. Zum Leben haben sie umgerechnet nur etwa 15 Euro jeden Monat. Vor zwei Jahren erkrankte sie an Krebs. Eine Katastrophe - und Geld für eine Arzt oder eine Operation hatten sie nicht. "Uns ging es damals wirklich schlecht", sehr schlecht, erzählt Celia Masayon, die Mutter von Venchel. "Venchel hat dann zu mit gesagt: Ich gehe arbeiten, ichbesorge das Geld. Was sie wirklich gemacht hat, hat sie mir damals nie verraten“.Heute weiß ich,dass sie sich sexuell verkauft hat.Ich mache mir schwere Vorwürfe. "Bei dem Gedanken daran könnte ich verrückt werden." Eine Geschichte, die sich so oder so ähnlich hier häufig wiederholt.
In Cebu-City boomt der Menschenhandel. Die Metropole im Süden der Philippinen ist zu einer Hochburg für den internationalen Sextourismus geworden. Für die Organisation Justice, Peace and Integrity of Crea- tion (JPIC) arbeitet der deutsche Pater Heinz Kulueke seit 15 Jahren im Rotlichtviertel.Er kümmert sich vor allem um die Kinder und davon gibt es hier ziemlich viele. "Derzeit haben wir über 400 Plätze in der Stadt, wo Mädchen angeboten werden. Wir haben die Mädchen gefragt,wie viele seit ihr in den bestimmt- en Hotels oder Massageparlours oder Bordellen oder auf dem Straßenstrich und haben dann eine Hoch- rechnung gemacht und sind auf etwa 10.000 Mädchen gekommen. Und davon sind nach unseren eigen- en Schätzungen etwa 40 Prozent minderjährig."
Ein katholischer Seelsorger verteilt Kondome
Für die Mädchen sind im Rotlichtviertel inzwischen am wichtigsten die Kondome gewoden für ihre Gesundheit, erzählt der Pater. Übrig- ens in allen Geschmacksrichtungen, von Vanille bis Pfefferminz, da- mit sie besser angenommen werden, ergänzt er schmunzelnd. Mit vollen Taschen beginnen Heinz Kulueke und seine Mitarbeiter ihren Rund- gang durch Bars und Bordelle. Insgesamt verteilen sie dabei über 150.000 Kondome, jedes Jahr. Berührungsängste ? Kondome für den katholischen Seelsorger alles andere als ein Tabu, obwohl seine katho-
lische Kirche die Verhütungsmittel - auch in Zeiten von HIV - strikt ablehnt. Was der Papst als Teufels- zeug verdammt, ist hier schlicht überlebenswichtig für die Kinder auf den Philippinen. "Im Grunde genom- men ist die katholische Kirche - wie bekannt ist - dagegen. Aber die Frage in dieser Situation ist, was ist das geringere Übel ? Was ist die Alternative ? Man hat hier Mädchen, die im vierten oder sechsten Monat abtreiben und dabei verbluten. Andere Mädchen, die ständig Geschlechtskrankheiten bekommen. Oder dritte Option, die sich infizieren mit HIV und Aids" erklärt Heinz Kulueke.
Oder aber die vierten Option: Sie werden schwanger und wie Venchel mit 16 Jahren schon zur Mutt- er. Heute lebt sie im Rehazentrum "Balay Isidora" von Pater Heinz Kulueke, wie rund 25 andere Mäd- chen.Hier werden die Kinder unter anderem therapeutisch betreut,bekommen eine Schulausbildung. Ven- chel war im siebenten Monat schwanger, als sie für Ihre Zuhälter offenbar zu lästig wurde und gehen durfte. Der Vater ihrer Tochter ? Unbekannt, irgendein Sextourist. "Der Vater ?", sagt Venchel Masayon. "Ja, das war wohl ein Japaner. Trotzdem liebe ich meine Tochter über alles und hoffe,hier jetzt einen neu- en Anfang machen zu können. Ich möchte meiner Tochter eine bessere Zukunft geben, ein besseres Le- ben, als ich es bislang hatte."
Das Rehazentrum - die Chance auf ein besseres Leben
Jeden Abend streift der Pater durch die Gassen. Das macht er schon seit 15 Jahren so. Er versorgt die Kinder-Prostituierten nicht nur mit Kondomen, sondern auch mit Medizin - mit Antibiotika, Schmerzmitt- eln oder Salben. Denn für die Menschen hier ist ein Arzt oder eine Apotheke unerreichbar, viel zu teuer. Auch Straßenkinder, wie dieser Junge mit einem Messerstich am Bauch, werden mitversorgt. Und sogar die Zuhälter, die die Kinder hier verkauften, behandelt und betreut der Pater.
"Psychologisch ist das unheimlich schwer. Also, ich komme oft nach Hause und bin unheimlich wütend, kann nicht schlafen. Aber, ich habe keine andere Wahl, ich muss mit diesen Leuten Zusammenarbeiten um überhaupt an die Mädchen heranzukommen. Wenn ich kein gutes Verhältnis zu den Bordell Besitzern habe, zu den Zuhältern, zu allen Leuten, die das Geschäft dort kontrollieren, könnte ich überhaupt nicht im Rotlichtmilieu arbeiten", beschreibt Heinz Kulueke die Situation.
Heute Abend allerdings sind die Verhandlungen besonders zäh. Schon seit Tagen versucht der Pater ein 15-jähriges Mädchen von Straßenstrich zu holen. Nach langem Hin und Her lassen die Zuhälter sie gehen, aber die so genannte "Mama Sun", die Bordell-Mutter, will erst mal mitkommen, sich das Hilfsprojekt des Paters selber ansehen. Die 15-Jährige ist für ihre Besitzer besonders wertvoll - sie ist jung, gesund und bringt viel Geld. Bis zu 15 Kunden muss sie bedienen, jeden Abend. Und ein Kunde bringt umgerech- net etwa 20 Euro. Mit 14 ist sie verkauft worden.
Im Hilfsprojekt angekommen, verrät sie zum ersten mal ihren Namen. Sie heiße Rowena, sagt sie. Insgesamt fast 50 Mädchen holt der Pater so jedes Jahr aus dem Rotlichtviertel. Er weiß, wie man mit den Zuhältern hier reden muss: "Dann frage ich die, ja würdest du denn deine eigene Tochter verkaufen auf dem Strich. Die Antwort ist dann ganz klar: Sie sagen, nein, meine eigene Tochter nicht. Dann sage ich, wie ist denn das mit dem Mädchen, dass jetzt da vorne steht, die ist doch genauso alt wie deine Tochter. Dann sagt die, ja, hm ja, ja ja... So ist das in den letzten Tagen gewesen, dass wir immer wieder auf diese Schiene gegangen sind. Und heute Abend haben sie dann endlich zugestimmt, das Mädchen mitzugeben." Venchel Masayon lebt schon seit über einem Jahr im Reha-Zentrum des deutschen Paters. Ab und zu besucht die 16-Jährige in-
zwischen ihre Mutter. Aber wieder bei ihr leben, das will sie erst mal nicht. Erst, so erzählt sie, will sie die Schule fertig machen, einen guten Job finden und dann ihrer Familie wieder helfen. Aber anders als beim letzten mal."Ich wusste damals keinen anderen Ausweg, erzählt Venchel Masayon. Aber ich bin froh, dass meine Mutter noch am Leben ist, auch wenn mein eigenes Leben dabei kaputtgegangen ist an den Sextourismus. Nur so konnte ich meiner Familie helfen, aber es war ein großes Opfer,sich selbst verkauf- en zu müssen, sagt die 16-jährige und lächelt dabei leicht verlegen." Mutter und Tochter zusammen, auch wenn es erst mal nur für ein paar Stunden ist. Alles andere als selbstverständlich, das wissen sie genau. Denn wer auf Cebu einmal verkauft wurde, wird in aller Regel weiterverkauft, irgendwann. Erst nach Manila und dann in alle Welt. Link: akpk



