Hurenbock Kinder - Teil 1

Ihre Väter waren Sextouristen, ihre Mütter sind Prostituierte. In den Slums, in denen sie leben, werden sie behandelt wie Aussätzige. Eine Reportage von den Philippinen.

"Er ist fett", sagt Noriel, 11. Der Junge hält sich das Bild ganz nah vor die Augen. Das Foto zeigt einen Fremden. "Er ist alt und hässlich." Auf seinem Kopf wachsen nur noch wenig Haare. Der Hals ist dürr und faltig. Die Brille hängt schief auf der Nase, trunken stiert der Mann zum Bildrand hinaus. Wie eine Puppe hält er eine zierliche Filipina im Arm, in Slip und knappem BH, auch sie schaut ins Leere.


"Er hat meine abstehenden Ohren", sagt Noriel, "meine große Nase." Er hat einen ähnlich hellen Hautton wie der Fremde. Die Kinder in der philippinischen Provinz rufen ihn "den Milchfisch". Er ist dem Mann auf dem Foto nie begegnet, und doch ist ihm der Mann vertraut. Noch einen Moment hält der Junge das Bild in den Händen, den Kopf schief gelegt, nachdenklich, bevor es seine Mutter wieder wegsperrt, in einen Koffer mit Vorhängeschloss.

"Mein Vater", sagt Noriel, das Hurenkind.

Eine Generation wächst in Asien heran, die ist wie eine Art globaler Betriebsunfall, zu Zehntausenden gezeugt in der kürzest möglichen Begegnung von Mann und Frau. Der Sextourismus hinterlässt auf den Philippinen nicht nur Tripper und Syphilis. Quer durch Asien zieht er auch eine Spur aus Kindern, weiß und großäugig wie Europäer, schwarz wie Afroamerikaner, irisch rothaarig und schwedisch blond.

Ihr Äußeres verrät den Broterwerb der Mütter, die außerhalb der Bordelle ein Leben in Ächtung führen. "Putok sa Buho" nennt man ihren Nachwuchs auf den konservativ katholischen Philippinen. Sie sind die, "die aus dem Bambusrohr gepresst wurden". "Pinulot sa tae ng Kalabaw" spotten die Menschen über sie, die "aus der Scheiße des Wasserbüffels geholt" worden seien.

Neon überstrahlt das Elend

Noriels Mutter ist auf dem Sitz des Linienbusses in sich zusammengesunken, im Rhythmus der Schlag- löcher prallt ihr Kopf gegen die Fensterscheibe. Nida Quintana, 32, will ihre beiden Söhne besuchen, die bei Pflegeeltern auf dem Land wohnen. Alle zwei Wochen unternimmt sie die zweistündige Reise. Sie ist betrunken. Fast hätte sie morgens die Abfahrt verpasst. "So viel Bier", klagt sie im Halbschlaf.

Quintana arbeitet in einer Bordellbar in Angeles City, der philippinischen Huren-Hochburg. Club reiht sich dort an Club, Neon überstrahlt das Elend. In manchen Etablissements verdingen sich 1500 Frauen in drei Schichten.

Bis um sechs Uhr morgens hat ein Brite Noriels Mutter zum Trinken angehalten. Acht Bier. Nie Wasser, klagt sie. "Die wollen uns immer betrunken machen. Dann lachen sie." Wenn Quintana unbeobachtet war, goss sie das Bier in die Toilette, weil sie doch ihren Söhnen heute diesen Besuch versprochen hatte.

Die Haare hat sie sich vorher noch gewaschen, um für die Kinder nicht mehr nach dem Rasierwasser des Briten zu riechen. Sie hat sich Puder ins Gesicht gestäubt, damit sie nicht so grau aussieht. Als sie im Dorf der Pflegeeltern aus dem Bus steigt, mit lila Top und Pferdeschwanz, drehen sich die Alten nach ihr um. Reisbauern wie die meisten hier. Reißen ihre Münder auf und fauchen scharfe Lachtiraden.

"Ihr seid Weiße, rufen die Kinder in der Schule

"Sie sind Mütter ohne Ehemänner nicht gewöhnt", sagt Quintana, die es hasst, durchs Dorf zu laufen. Dann sieht sie die Kinder, aus ihren halb zugeschwollenen Augen. Die Pflegeeltern haben sie zur Be- grüßung vor die Tür geschickt.

Der elfjährige Noriel, Sohn eines Amerikaners, und der sechsjährige Brian, der von einem Franzosen abstammt. Dem Ältesten sagten die Pflegeeltern, er solle das T-Shirt mit dem Werbelogo von Mutters Bordell anziehen. "Das wird deine Mama freuen", sagten sie ihm. "Walhalla" heißt die Bar, sie gehört einem Dänen, und die Frauen müssen Wikingerhelme aufziehen.

Die Brüder lassen sich kurz von der Mutter drücken, bald wenden sie sich ab. Sie wollen nicht weinen. Die Jungen wissen, ihre Mutter arbeitet hart. Was das genau bedeutet, ahnen sie nur. Noriel verbietet dem Jüngeren zu klagen. "Haut ab!", rufen ihnen manchmal die Kinder in der neuen Schule zu. "Ihr seid Weiße! Ihr gehört nicht hierher."

Ihrer Mutter erzählen sie davon nur selten. Vier Monate ist es her, seit sie von ihr aufs Land geschickt worden sind. Die Großmutter, die sich früher in Angeles City um die Kleinen gekümmert hatte, ist währ- end einer der Nachtschichten von Quintana gestorben. Ihr Tod zerriss die Familie, die Mutter zog in den Schlafsaal des Bordells, die Kinder gab sie fort. Jeden Monat schickt sie den Pflegeeltern Geld. Jeden Monat fordern die Pflegeeltern mehr. "Ich habe keine Wahl", sagt sie.

Brian hat nachts mit dem Zähneknirschen begonnen, ein Schleifen wie von Mahlsteinen, so laut, dass es die anderen weckt. In den Schulpausen weicht er kaum von der Seite des älteren Bruders. Beide sind dort die einzigen Ausländer-Kinder. Die Lehrer tuscheln über sie. Noriel, der besser Englisch spricht als seine Rektorin, ein empfindsamer, intelligenter Junge, ficht seine eigenen Kämpfe. Oft liegt er schlaflos in der Nacht. Fürchtet sich vor den Geistern der Toten, dem schwarzen Hund, dem Vampir, der nur aus einem Oberkörper besteht.

Sein Pflegevater erzählt ihm von einer ruhelosen Seele, die im Haus grausam starb. Die Toten durch- dringen nachts das Dorf, wie es morgens der giftige Schleier der Müllfeuer tut. Vielleicht, überlegt Noriel, mögen auch sie weiße Kinder nicht. Etwa die vierjährige Pauline im Nachbarhaus, das Kind eines Deutsch- en, die sich immer verstecken will. Unter dem Tisch, unterm Sofa, hinter Vorhängen. Einen nackten Fuß sieht man hervorragen, eine Hand. Wie ein Kaninchen auf der Flucht. Als schwebe fortwährend ein Raub- vogel über ihr. Immer versucht Pauline, unsichtbar zu bleiben. Link: fr-online