Aufstandsbekämpfung auf Jolo
Vor allem für die Zivilbevölkerung hat sich die Lage innerhalb des vergangenen Jahres dramatisch ver- schlechtert. Das Gros der zwischen die Fronten geratenen Menschen muß in behelfsmäßigen Notunter- künften ausharren, wenn sie es überhaupt bis dahin geschafft haben. Vergleichsweise glücklich können sich Flüchtlinge schätzen, wenn sie ein Dach über dem Kopf haben und in Schulen oder ähnlichen festen Gebäuden untergebracht sind.
Das bietet wenigstens halbwegs Schutz vor Taifunen und Schlammassen infolge heftiger Regenfälle.Wied- erholt wurden gegen ganze Ortschaften zeitweilige Nahrungsmittelblockaden verhängt, wenn das Militär oder die Nationalpolizei meinte, deren Bevökerung könne heimlich »Rebellen und Terroristen« unter- stützen. In Zentralmindanao, vor allem in Teilen der Provinzen Maguindana und Nordcotabato, gibt es Familien, die seit Sommer 2000 auf der Dauerflucht sind.
Damals mußten sie fliehen, weil Präsident Estrada dem Moro-Widerstand den »totalen Krieg« erklärt hatte. Und in der Zeit danach konnten sie nicht in ihre angestammten Gebiete zurückkehren, weil diese zwischenzeitlich zu militärischen Frontlinien oder Sperrzonen geworden waren. Oberst Jonathan Ponce, Sprecher der 6. Infanteriedivision der philippinischen Armee, bezeichnete die Flüchtlinge kürzlich in einer offiziellen Stellungnahme als »Reserve feindlicher Truppen«.
Von Anfang des Jahres bis zum Juni/Juli verlagerten sich die militärischen Hauptfrontlinien auf die südlich von Mindanao gelagerte Insel Jolo. Dort hatten Mitglieder der auf Kidnapping und Lösegelderpressung spezialisierten Abu-Sayyaf-Gruppe (diese war auch für die Entführung der Göttinger Familie Wallert im Sommer 2000 verantwortlich) am 15. Januar drei Mitarbeiter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) – die Filipina Mary Jean Lacaba, den Schweizer Andreas Notter sowie den Italiener Eug- enio Vagni – in der Nähe der Hauptstadt Jolo City entführt.
Entführungsbericht von der Filipina Mary Jean Lacaba

Hilferuf einer Filipina IKRK-Geisel
Abu Sayyaf droht erneut mit Ermordung
Für die drei Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Rot- en Kreuz (IKRK), die im Januar von der Terrorbande Abu Say- yaf im Süden der Philippinen verschleppt worden sind, spitzt sich die Lage weiter zu. Eine der Geiseln, die 27-jährige Filipina
Mary Jean Lacaba, hat in einem Telefongespräch mit der lokalen Fernsehstation ANC erklärt, sie hätten kaum noch zu essen.
Der Anführer der islamischen Extremistengruppe, Albader Parad, hat mit der Enthauptung der Entführten gedroht. Falls sich die Armee nicht zurückziehe, werde eine der Geiseln ermordet. Das Militär müsse die Umklammerung des Verstecks auf der Insel Jolo bis zum 31. März gelöst haben.
Die Banditen sind mit ihren Gefangenen offenbar eingekesselt. Bei früheren Entführungen hat die Gruppe solche Drohungen rücksichtslos wahr gemacht. Unter den Geiseln befinden sich der Italiener Eugenio Vagni und der Schweizer Andreas Notter.
Lösegeld gefordert
Die Gruppe von Abu Sayyaf kann auf ein undurchsichtiges Netzwerk auf der Insel zurückgreifen und for- dert ein Lösegeld. Normalerweise geht die Regierung in Manila auf solche Forderungen entweder selbst ein oder lässt Financiers aus der islamischen Welt walten. Damit finanziert sich die Gruppe und rüstet sich mit Waffen aus. Im Gegenzug können Armee und Regierung ihre hohe Truppenpräsenz im Süden recht- fertigen.
Die Armee, die die im dicken Dschungel operierenden Mitglieder von Abu Sayyaf bisher wohl dezimieren, aber nicht ganz ausrotten konnte, will den Kontakt mit der Bande nicht verlieren und einen Ausbruch ver- hindern. Sie weigert sich deshalb, sich weiter zurückzuziehen.
Während Lacaba und Notter am 2. und 18. April wieder freikamen, zog sich die Freilassung des 62 jäh- rigen Vagni bis zum Morgengrauen des 12. Juli hin. Innerhalb dieses halben Jahres herrschte auf Jolo der Ausnahmezustand, und die Insel bildete wie schon häufiger seit den frühen 1970er Jahren, als dort fak- tisch Bürgerkrieg herrschte, die mit Abstand höchstmilitarisierte Region des Landes.
Sehr zum Vorteil des umtriebigen Gouverneurs Abdusakur M. Tan. Der nämlich konnte – wie es in der Vergangenheit mehrfach, so bei der Geiselnahme der Wallerts, geschehen war – auch im Falle des IKRK seine Privatresidenz als eine Art Clearingstelle nutzen, im Hintergrund Lösegeldzahlungen einfädeln und sich politisch in Szene setzen.
»Gouverneur Tan«, sagt Mohaiya M., die seit Jahren mit der Situation auf Jolo bestens vertraut ist, »trägt Mitverantwortung für die prekäre Sicherheitslage in diesem Armenhaus. Kidnapping ist ein lukratives Busineß, und Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung. Schnell werden Personen als Kri- minelle oder Terroristen gebrandmarkt, wenn sie den Mächtigen in Politik und im Militär suspekt sind.
Schätzungsweise 95 Prozent aller begangenen Menschenrechtsverletzungen bleiben dort unaufgeklärt. Es herrscht ein Klima aus Gewalt und Straffreiheit sowie eine Praxis des (Ver-)Schweigens. Allein im Januar und Februar dieses Jahres mobilisierte der Gouverneur annähernd 1 500 sogenannte Zivile Freiwilligen- verbände (CVO), eine Art paramilitärische Bürgerwehr, um auf seine Weise für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Genau das Gegenteil trat ein; es herrschte wochenlang Krieg.« @ https://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Philippinen/flucht.html
