Das Familiengefängnis

Auf Palawan liegt Iwahig die Strafkolonie das Familiengefängnis

Sie heißt Katrina, und muss seit ihrer Geburt im Gefängnis leben. Ihre kleine Schwester kam ebenfalls hier auf die Welt. Ihr Vater Lawrence ist Häftling, drei Menschen hat er umgebracht.

„Mein Vater ist ein guter Mensch, er ist großzügig, meint Katrina. Und es ge- fällt mir hier, die Landschaft ist schön, ich mag vor allem die Berge.“

Die Familie lebt in der Iwahig-Strafkolonie auf der Insel Palawan. Am Ein- gang, keine Mauern, kein Stacheldraht, dafür Werbung und ein einziger ge- langweilter Wächter. Auf dem riesigen Gelände hätte eine Stadt Platz.

Nicht einmal Wachtürme gibt, drum herum, nur Berge, dahinter liegt das Meer. Hier verbüßen 1500 Männer ihre Strafen, fast alles Schwerverbrecher. Doch nur knapp 1000 werden mit Gewehren bewacht und nach der Arbeit wieder eingesperrt.

Die 500 anderen tragen braune Sträflings-T-Shirts und haben ein weit schöneres Leben im Freiheitsdorf der Kolonie. Hier wohnen die, die sich mehrere Jahre hinter Gittern gut benommen haben. Einige dürfen sogar ihre Familien zu sich holen.

Vor etwa 50 Jahren wollte ein Direktor seinen Gefangenen damit etwas Gutes tun und ihre Resozialisier- ung fördern. Da sich diese Auserwählten besonders gut benehmen, ist es bei der Sonderregel geblieben.

Dreifachmörder Lawrence ist verantwortlich für die kleine Kirche des Dorfes. Er fühlte sich vor 21 Jahren von Geschäftspartnern betrogen und tötete sie. Sein Haus hat er wie alle Insassen selbst gebaut. Als er noch hinter Gittern war, lernte er seine Frau Connie über Briefe kennen.

Vor elf Jahren durfte sie ins Gefängnis ziehen. Sie zögerte keine Sekunde, kündigte ihre Arbeit in Manila und kam. Ihr gemeinsames Leben ist nun fast normal: Selten sehen sie Wachpersonal, es gibt keine Pat- rouillen, nur viele Mörder unter den Nachbarn.

Finanziell war es hier für uns am Anfang ein Problem. Aber ich habe mir gesagt: "Wenn das Herz leidet, ist es schlimmer.“ Jetzt sind sie immer zusammen und ein glückliches Ehepaar. Sie verdienen etwas Geld mit Handwerksarbeiten. Mutter und Kinder dürfen das Gefängnis jederzeit verlassen, aber bis in die Stadt sind es 20 Kilometer, Fahrmöglichkeiten gibt es selten.

Meistens bleiben sie daher in Iwahig. Dreimal am Tag kommen die Häftlinge der so genannten minimal- en Sicherheitszone in Eigenregie zur Anwesenheitskontrolle. Dafür hat die Verwaltung einen Häftlings- bürgermeister bestimmt. Nebenan spielen die Kinder der Verbrecher mit denen der Gefängnisangestellten Basketball, denn in Iwahig sind sie Nachbarn und oft miteinander befreundet.

Gefängnisse auf den Philippinen

Etwa 15 Männer können pro Jahr der Versuchung nicht widersteh- en und fliehen, die meisten werden aber spätestens an den Fähren gefasst, wenn sie die Insel verlassen wollen. Dass es nicht mehr versuchen, liegt am Sicherheitstrakt von Iwahig. So sehen Ge- fängnisse auf den Philippinen normalerweise aus.

Überbelegt und verdreckt. Beim kleinsten Regelverstoß müssen die Männer aus dem Freiheitsdorf hier wieder in die strenge Bewach- ung. Am Eingang werden uns Handarbeiten aus geschmolzenem Plastik angeboten.

Mörder Manolo erzählt uns, dass er selbst im Freiheitsdorf war. Er wollte einmal im Suff noch ein Bier trinken gehen und wurde in der Stadt erwischt. Hier kommt er nun so schnell nicht mehr raus.

Einen Kilometer entfernt sitzt Katrina in der Gefängnisschule. Es gibt hier etwa so viele Kinder von Insas- sen wie von Angestellten, behandelt werden sie alle gleich. Nach der sechsten Klasse werden sie jeden Tag zu weiterführenden Schulen in die Stadt gefahren.

Vor zehn Jahren wurde der Sohn eines Wächters von einem Gefangenen ermordet. Ein Einzelfall, wie die Lehrerinnen berichten. Niemand habe Angst, wenn ein Schwerverbrecher wie Bürgermeister Louie seinen siebenjährigen Sohn John-Paul abholt. Früher dachte Louie bei jedem Aufwachen an die vielen Jahre, die noch vor ihm liegen.

In seiner Hütte ist er glücklich mit seiner Familie. Sohn John-Paul fragt oft, wie lange sie noch bleiben müssen, weil er nur mit der Mutter in die Stadt darf. Einen schlechten Einfluss des Gefängnisses auf die Erziehung befürchten die Eltern nicht. „Wir sagen ihnen, auch Gefangene verdienen Respekt, erklärt Mutter Bing". Sie sollen nicht denken, als Kinder von Häftlingen seien sie schlechter als die andern. Es sind wirklich gute Kinder.

Außerhalb von Iwahig werden sie trotzdem von anderen gehänselt. „Das ist mir egal,“ sagt John Paul. „Aber sein Vater tue ihm dann leid.“ Den Direktor treffen wir nach seinem Dienstschluss im Gefängnisfrei- bad. Hier baden vor allem Besucher von außerhalb. Die Häftlinge sollen durch den Kontakt mit ihnen auf die Freiheit vorbereitet werden, deshalb sind sie hier die Bademeister. Auch die Familien der Gefangenen schwimmen mit. Dass sie im Gefängnis leben dürfen, hat nicht nur humanitäre Gründe.

Francisco Abunales : Gefängnisdirektor

„Die Frauen disziplinieren die Männer. Wenn einer im Begriff ist, eine Regel zu verletzen, dann wird die Frau ihn stoppen. Sie wird sagen, dann sind alle unsere Privilegien sofort weg.“

Philippinen Kinder im Gefängniss

Dreifachmörder Lawrence sagt seinen Kindern,sie sollen es besser machen als er, sich auf die Schule konzentrieren, und gute Freunde finden. Er möchte nicht ohne sie leben, auch wenn er immer Angst hat, dass sie als Gefängniskinder draußen benachteiligt oder ver- spottet werden.

„Ich erkläre ihnen, sie sollen an die Familie denken,wenn sie geärgert werden.Sie sollen daran denken, wie wir miteinander umgehen und sich nicht um andere kümmern. Sie sollen wissen, dass wir eine gute Familie sind.“

Abendbummel zum Kiosk. Die kleine Katrina wünscht sich, dass sie alle zusammen einmal eine Reise machen, vielleicht sogar ins Ausland. In vier Jahren ist die Strafe abgebüßt. Dann wollen sie irgendwohin, wo niemand weiß, wer sie sind und woher sie kommen. Link:daserste

Iwahig Prison

Testimony of an Ex- Prisoner