Die verkaufte Kindheit
Etwa 2, 4 Millionen Mädchen und Jungen auf den Philippinen müssen arbeiten. Vor allem Mädchen werden als Haushaltshilfe ausgebeutet oder in Bars und Bordelle verschleppt. Viola Liesen, Mitarbeiterin der Zeit- schrift "Lisa", hat sich vor Ort ein Plan-Projekt zur Verhinderung moderner Sklaverei angesehen und mit betroffenen Mädchen gesprochen.Auf dem Hinterteil ihrer schlabberigen weißen Jogginghose steht in hell- blauen Buchstaben das Wort "sexy". Seltsam anrührend. Denn der magere Körper in der Schlabberhose gehört eher einem kleinen Mädchen. Marcelina ist 17, aber ihre Figur ist die einer Zwölfjährigen. Knochi- ge Schultern, kein Busen, schmale Hüften, staksige Beine.
Ihre dünnen Ärmchen umschlingen zärtlich einen abgewetzten Teddy. Auf dem weißlackierten Etagenbett im Halfway House, dem Kinderschutzhaus am Hafen von Matnog, liegen fein säuberlich Schulbücher und Hefte. An den Wänden hängen bunte Zeichnungen. Die Luft ist stickig hier oben in dem großen Schlaf- saal, wo mehr als ein Dutzend junge Mädchen Zuflucht gefunden haben. Die Sonne knallt vom Himmel, das Thermometer misst 36 Grad, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 98 Prozent. Im Schafsaal surrt ergebnislos ein Ventilator. Aber für Marcelina und ihre Leidensgenossinnen ist hier der Himmel auf Erden. Für sie ist das Kinderschutzhaus in Matnog wirklich ein "Hafen". Ein Hort, um zu vergessen, was sie durchgemacht haben.
"Sklavenarbeit" ohne Lohn. Marcelina war gerade elf, als ein Nachbar bei ihren Eltern anklopfte und fragte, ob er die Kleine nicht als Hausangestellte mit nach Manila nehmen könne. Für einen Monatslohn von 1.000 Pesos. Der Vater, der als Feldarbeiter gerade mal 100 philippinische Pesos (ca. 2,20 Euro) am Tag nach Hause bringt, war glücklich. Wenigstens eines seiner zehn Kinder sollte Aussicht auf ein besser- es Leben haben.
Doch in Manila angekommen,begann für das Mädchen ein Sklavendasein. Putzen, kochen,Wäsche wasch- en, Krankenpflege. Wenn die Frau des Hauses ihre epileptischen Anfälle bekam und Marcelina nicht gleich zur Stelle war,hagelte es Prügel. Wehrte sie sich,drohten noch mehr Prügel,gab es nichts zu essen. Wenn ihre Arbeitgeber das Haus verließen, sperrten sie die Elfjährige ein. Fünf Jahre schuftete das Mädchen aus der Provinz Mindanao in der fremden Großstadt. Isoliert von der Außenwelt, ohne Nachricht von zuhause. Und ohne Geld. Denn der versprochene Monatslohn wurde nie gezahlt.
Irgendwann sprang sie aus lauter Verzweiflung aus dem Fenster. Floh mit 50 Pesos in der Tasche und mit dem, was sie am Leibe trug. Sie versteckte sich in den Elendsvierteln der 12-Millionen-Stadt, schlief unter Kirchenbänken, bettelte. Und wurde in ihrer Unterkunft von einem Nachbarn vergewaltigt.
Erst da sucht sie Schutz. Sozialarbeiter bringen sie in das Kinderschutzhaus nach Matnog. Es bietet ver- schleppten und missbrauchten Kindern Schutz und Hilfe. Plan und dessen lokale Partnerorganisation Visa- yan Forum Foundation betreuen und fördern dieses wie auch weitere Häuser innerhalb ihres Präventions- und Schutzprojektes. Hier lernt Marcelina wieder Vertrauen zu fassen - zu sich und anderen Menschen.
Schwanger nach Vergewaltigung
Auf die Frage, was jetzt ihr größtes Glück wäre, antwortet Marcelina zaghaft: "Ich möchte zu meiner Ma- ma zurück." Ein Traum mit Schattenseiten. Denn die 17 jährige ist im zweiten Monat schwanger. Von ihrem Vergewaltiger. Abtreibung? Die Antwort ist ein völlig erstaunter Blick. Marcelina wird dieses Kind austragen müssen. Ein Esser mehr, mit dem sie in ihr Heimatdorf nach Mindanao zurückkehrt.
Zu ihren fünf Schwestern und vier Brüdern. Und wieder werden irgendwann "Vermittler" kommen, die mit dem Elend und der finanziellen Not der verarmten Landbevölkerung dicke Geschäfte machen. Cecilia Flores-Uebanda, Gründerin von Visaya Forum Foundation, klagt: "Jeder verdient an diesem Kinderhandel. Manchmal gehen die Mädchen über zehn Stationen, bis sie da sind, wo sie sind."
Flucht aus Bordell
2,4 Millionen Kinder arbeiten Schätzungen zufolge allein auf den Philippinen unter katastrophalen Be- dingungen. Fast alles Mädchen, die unter falschen Versprechungen aus ihren Heimatgemeinden wegge- lockt werden. Sie werden zur Prostitution gezwungen oder als Haushaltshilfen ausgebeutet. Sie sind den Kinderhändlern und ihren "Arbeitgebern" hilflos ausgeliefert.
Auch die hübsche Narcisa träumte einen großen Traum, als Arbeitsvermittler ihr einen Job als Haushalts- hilfe in Frankreich versprachen. Aber statt in Frankreich landet die 14-Jährige in einem Bordell an der Elfenbeinküste, wird geschlagen und missbraucht. Nach drei Monaten gelingt ihr die Flucht. Wie viele Freier sie gehabt hat? Sie zuckt nur die schmalen Schultern.
Professionelle Banden
Dass viele Kinder in den armen Regionen arbeiten müssen, damit die Familie überleben kann, nutzen professionell organisierte Banden schamlos aus. Ein Kinderleben zählt nicht viel, wo viele satt werden müssen. Shirley Bastero, Plan-Projektkoordinatorin in Manila: "Die Eltern bekommen ein paar tausend Pesos Handgeld, die Kinder werden regelrecht bestochen: mit einem Handy zum Beispiel."
Die Kinderhändler haben leichtes Spiel, denn viele ihrer Opfer wurden nach ihrer Geburt nicht registriert. Weil die nächste Meldestelle zu weit vom Heimatdorf entfernt liegt, die Ausstellung einer Geburtsurkunde für viele zu teuer ist. Und ohne Geburtsurkunde lassen sich weder Alter noch Herkunft der Jungen und Mädchen nachweisen, so dass Kinderhändler, deren Kunden und ausbeuterische Arbeitgeber oft unge- straft davonkommen. Plan führt deshalb in dieser wie in vielen anderen Regionen weltweit Kampagnen zur Geburtenregistrierung durch.
Gegenmaßnahmen im Netzwerk
Umschlagplätze für Kinderhandel sind besonders die Hafenstädte. Matnog und Port Allen sind häufig Aus- gangspunkte: Die Kinder werden per Fähre nach Manila gebracht und von dort außer Landes verschleppt. Dort verliert sich ihre Spur oft endgültig. "Stop Child Trafficking" ("Stoppt den Kinderhandel") steht in Riesenlettern auf den unzähligen Plakaten, mit denen die Zufahrtsstraßen und -wege zu den Fähren ge- pflastert sind. Die fliegenden Händler am Kai, die philippinischen Zollbeamten, die Polizisten am Hafen, die Schiffsbesatzungen auf den Fähren, werden von Plan-Mitarbeitern geschult und aufgeklärt.
"Kleine Gruppen von fünf, sechs jungen Mädchen, die sich absondern und mit niemanden reden, sind oft verdächtig," erklärt Shirley Bastero, "wenn so eine Gruppe auftaucht, werden die Sozialarbeiter in unser- em Help-Desk am Hafen informiert, die die Mädchen befragen und sie sofort vom Schiff holen, wenn sie keine korrekten Arbeitsverträge vorweisen können oder keine Ausweispapiere dabei haben."Nicht selten reagieren die Mädchen richtig sauer“. "Ihnen wird ja von den Arbeitsvermittlern eine rosige Zukunft vor- gegaukelt."
Arbeitsmigration als Tradition
Dass Kinder Heimat und Familie verlassen, hat auf den Philippinen seit Jahrzehnten Tradition. 8 Millionen Filipinos, ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung, leben und arbeiten außerhalb der Philippinen. Cecilia Flores-Uebanda: "Die Filipinos haben eine Kultur der Emigration."Und solange die Regierung von dieser Landflucht profitiert, werde das Problem der Verschleppung und Ausbeutung nur wenig angepackt. Rück- überweisungen sind zum wichtigsten Devisenbringer der Philippinen geworden. 2004 haben Filipinos aus dem Ausland 7,4 Milliarden US-Dollar in ihre Heimat überwiesen. Jeder Fünfte denkt daran, die Heimat zu verlassen.
Berühmt wie Madonna
Die 17 jährige Victoria ist ein fröhliches Mädchen. Sie lacht und singt für ihr Leben gern. Seit fünf Monat- en lebt sie im "Safe House" von Manila, erlebt zum ersten Mal ein bisschen Geborgenheit. Ihre drogen- süchtige Mutter schob sie als Baby zu Verwandten ab, an ihre elf Geschwister kann sie sich das junge Mädchen nur vage erinnern. Schon mit zwölf wurde Victoria nach Manila "vermittelt", als "Kasamba- hay", als Hausangestellte, für angeblich 2.000 Pesos im Monat.
Dreimal wird sie von einem Arbeitgeber zum anderen abgeschoben, muss oft 18 Stunden am Tag arbeit- en. Als einer der Männer sie nackt fotografieren will, flieht sie. Im Schutzhaus von Plan hat sie Zuflucht gefunden. Und den Mut, gegen ihre Peiniger vor Gericht auszusagen. Wenn das vorüber ist, möchte sie Sängerin werden. Bei einem lokalen Karaoke-Wettbewerb landete Victoria gerade auf dem vierten Platz. "Ich will so berühmt werden wie Madonna" lacht sie und ihre Mandelaugen funkeln dabei.
Kämpfen gelernt ! Erst auf dem Schiff nach Manila erfuhr Marina (16), welche Arbeit auf sie und ihre Cousinen wirklich wartet: "Wir sollten als Nackttänzerinnen in einer Bar auftreten und für die Unterhalt- ung der männlichen Gäste sorgen". Die Vermittlerin verbot uns, unser wirkliches Alter zu nennen, falls einer auf dem Schiff fragen würde. Wir haben es dann mit der Angst bekommen und einem Schiffsoffizier alles erzählt.
Er sorgte dafür, dass wir bei der Ankunft in Manila von der Küstenwache empfangen wurden."Wenn sie nach dem Prozess gegen die betrügerische Vermittlerin das "Safe House" in Manila verlassen kann, will sie wieder zur Schule gehen. Und dann aufs College. Journalistin möchte der hübsche Teenager werden. Sportjournalistin. Und am liebsten über Boxen und Rugby berichten. "Denn vom Kämpfen versteh ich was". Link: plan-deutschland
