Dreckiges Gold in Mindanao

Von der Goldgräberstadt sehen wir als erstes ihren Dreck. Nach einer Fahrt üb- er Dschungel- und Bergpisten rollen wir durch einen mit Quecksilber vergiftet- en Fluss. Kurz dahinter liegt unser Ziel. Diwalwal – die Stadt des Goldes und der Glücksritter. Chaotisch und gefährlich. Mehr als 1000 Morde in 25 Jahren, solange dauert der Goldrausch schon an.
Kapitan Tito, ehemaliger Bodyguard, vor elf Jahren wurde er Bürgermeister. Seitdem versucht er, Ordnung in die Stadt zu bringen. Mittlerweile gelten Ge- setze mehr als das Recht des Stärkeren. Und mit Hilfe der Armee hat Tito Waff- en verbannt.
Nur er darf seinen Revolver weiter tragen – nach einem Mordversuch. Nicht all- en gefällt,dass der Kapitan Diwalwal verändern will. „Bis vor wenigen Jahren war das hier wie im Wilden Westen. Wenn Du Dich nicht mit einer Waffe ver- teidigen konntest, kam einfach jemand und hat dir die Frau weggenommen, deine Goldmine warst du auch schnell los. Es gab keine Gerechtigkeit.“
In diesem Berg sollen mehrere Milliarden Euro an Gold liegen. In über 100 meist primitiven Tunneln wird daher rund um die Uhr gearbeitet. Alles kleine Minengesellschaften. Das ist hier noch einer der größeren Tunnel. Nach 400 Metern erreichen wir das Ende. Die Männer bohren Löcher, um goldhaltiges Erz aus dem Berg zu sprengen. In Diwalwal sind Hunderte bei Minenunglücken umgekommen, erst vor zwei Jahren starben 31.
„Nirgendwo Stützpfeifler", ob sie denn keine Angst hätten, dass hier mal alles runterkommen könnte,frag- en wir. Nein, wir haben dazu gelernt und sind vorsichtiger als früher. Dieser Tunnel sei daher sicher. Leb- ensgefährliche Knochenarbeit, aber die Männer werden am Umsatz beteiligt und können an goldreichen Tagen 15 Euro verdienen, für die meisten Filipinos eine Menge Geld. Das Erz wird von hier in die Mühlen gebracht. Ein Sack wiegt bis zu 60 Kilo, der Goldanteil ist meist weniger als ein Gramm.
30.000 Einwohner, Häuserwildwuchs aus Blech und Holz. Diwalwal, Du gibst uns ein gutes Leben, und das Chaos – heißt es in einem Lied der Mienenarbeiter. Die Strassen kaum befahrbar,an den Hängen wer- den regelmäßig Hütten mit Bewohnern durch Erdrutsche in die Tiefe gerissen. Eine Schule ohne Wände, Unterricht auf dem Basketballfeld, drei Klassen hintereinander. Die Goldstadt selbst ist bettelarm. Es gibt keine Bank, keinen Arzt, aber immerhin den gewählten Buergermeister.
Kapitan Franco Tito hat viele Probleme, zum Beispiel die katastrophale Umweltverschmutzung. Überall in der Stadt rattern pausenlos giftige Goldmühlen. In wenigen Jahren, so Titos Plan, sollen sie alle in einem Industriepark stehen mit Kläranlage, denn so was gibt es hier nicht. „Wir konnten die Umweltprobleme bislang nicht anpacken. Wir mussten uns erst darum kümmern, dass hier Ordnung herrscht. Es gab soviel Chaos. Deshalb beschäftigen wir uns erst jetzt mit der Verschmutzung.“

Es wird höchste Zeit,denn Diwalwal versinkt in Gift und Müll.Die Mühlen zermahl- en das Erz vier Stunden lang - unter Beimischung von Quecksilber. Danach fließt die Brühe in primitive Wannen und von dort gelangen jeden Tag Unmengen an Quecksilber in den toten Fluss hinter den Häusern – und auch noch andere Gifte, Zyanid zum Beispiel.Nach mehreren Wasserspülungen bleibt am Ende diese Misch- ung aus Gold und Quecksilber übrig: Der ungeschützte Umgang mit Giften ist All-
tag in Diwalwal. Untersuchungen über die Gesundheitsprobleme gibt es nicht, aber Atemwegserkrank- ungen, vor allem Tuberkulose, heißt es, seien sehr verbreitet. Die bescheidene Ausbeute aus vier Säcken Erz. Eine kleine gepresste Kugel. Darauf warten in der Hauptstrasse die Käufer.Sie verbrennen die Queck- silberreste, zurück bleibt 18 karätiges Gold, hier gerade mal zwei Gramm,die sind rund 25 Euro wert. Die Tagesausbeute der ganzen Stadt sind zwar mehrere 10.000 Euro,aber wirklich reich sind nur wenige ge- worden.
Die meisten kommen lediglich besser über die Runden als früher,als sie noch Bauern,Fischer oder arbeits- los waren. Andere wie Mühlenbesitzer Angelo hatten hier den erhofften Glückstreffer. Als er einen Park- platz für sein Motorrad in den Hang buddeln wollte, stieß er direkt vor seinem Haus auf eine Goldader. Die gehört nun ihm, er musste sie nur registrieren lassen und gut 20 Euro Gebühren zahlen. Seitdem hämm- ert er sich kriechend in den Berg, 30 Meter schon, der weißer Ader folgend, sie wird immer breiter.
Was sie wert ist, weiß er noch nicht, er hofft auf ein paar 1000 Euro. Die Einnahmen aus seiner Mühle haben ihm schon zu dem Wohlstand verholfen, von dem viele in Diwalwal träumen. „Meine drei Kinder können einen Schulabschluss machen. Sie wohnen in einer anderen Stadt nicht weit von hier. Dort habe ich auch ein Haus gebaut und etwas Land gekauft. Und einen kleinen Laden haben wir auch aufgemacht. Das Gold hat das Leben unserer Familie sehr verbessert.“

Doch das bescheidene Glück der Menschen hier ist bedroht. Die philip- pinischen Regierung will das wilde Treiben lieber heute als morgen be- enden und den Goldschatz selbst ausgraben. Sie möchte internationa- le Bergbaufirmen beauftragen, die mit modernen Techniken effektiver und umweltfreundlicher arbeiten. Bislang hat sich keiner hergetraut. Denn die Minenarbeiter wollen niemand anderes dulden. Der Berg ist alles, was sie haben, auch wenn für einige nur ein paar Brocken übrig bleiben, die bei anderen runterfallen.
Aber der Goldpreis ist jetzt hoch, das weckt neue Begehrlichkeiten bei der philippinischen Regierung. Ein chinesischer Großinvestor steht an- geblich in den Startlöchern. Bürgermeister Tito, der selbst Teilhaber einer kleinen Mine ist, will keinen Zentimeter weichen, und die Minen- arbeiter stehen hinter ihm. Das Morden und Blutvergießen, droht er,
könnte von vorne beginnen, wenn ausländische Firmen an den Berg gelassen würden.
„Es ist meine größte Angst, dass man uns vertreiben will. Die mulitnationalen Firmen brauchen gut aus- gebildete Arbeiter für ihre Maschinen, das sind wir nicht, viele hier haben die Schule früh abgebrochen. Die meisten würden also arbeitslos. Aber wir wollen das für unsere Kinder erhalten, das ist unser Erbe.“ Schon einmal gab es einen Versuch, Diwalwal aufzulösen. Damals blockierten die Arbeiter die Strassen. Die Regierung gab schnell auf und erreichte lediglich, dass hier jetzt alle Steuern zahlen. Kapitan Tito hofft, dass die Zeit der Kämpfe vorbei ist. Aber für Diwalwal, meint er, lohne es sich auch zu sterben. Link: dw-world
Diwalwal Video : Dreckiges Gold 1
Diwalwal Video : Dreckiges Gold 2
Diwalwal Video : Dreckiges Gold 3
