Kinder als Schwerstarbeiter

In der Schule waren sie schon lange nicht mehr. Sie sind zwölf oder wie Rudi 14 Jahre alt. Mit zehn fing er an, erst mit leichteren Feldarbeiten, aber schon bald begann die gleiche Knochenarbeit, die auch die Erwachs- enen machen.
Zuckerrohr schlagen mit Macheten bei brütender Hitze. Wir sind auf der Insel Negros – Zuckerland wird sie genannt, aber das Leben ist hier alles andere als süß - vor allem für Kinder.
Rudi Castro, Zuckerrohrarbeiter
Als ich klein war, sagt Rudi, wurde mein Vater von einem Nachbarn erschossen. Seitdem ist es schlimm für meine Familie. Wir müssen alle Geld verdienen, damit wir etwas zu essen haben. LKW bringen die Ernte von Ende August bis Mai. Danach stehen die Raffinerien still, die sogenannte Todeszeit, weil es dann auf der Insel kaum noch Arbeit gibt. Hunderttausende Filipinos sind allein auf Negros vom Zucker abhängig. Doch die Industrie gerät von einer Krise in die nächste.
Uralte Fabriken und auf dem Weltmarkt produzieren andere besser und billiger. Geld machen nur wenige. Vor allem die Plantagenbesitzer, einige reiche Familien, denen seit Generationen ein Grossteil der unend- lichen Anbauflächen gehören. Sie zahlen den Landarbeitern oft nur Hungerlöhne. Und weil das Einkomm- en so nicht reicht, müssen die Kinder mit auf die Felder. Der zehnjährige Ryan arbeitet drei Tage pro Woche, damit er zwei Tage den Schulbus bezahlen kann.
Viele brechen die Schule ganz ab. Die Eltern verdienen meist weniger als einen Euro am Tag, und die Kinder für die gleiche Arbeit noch weniger. Es ist ein Schande, dass mein Sohn in dem Alter arbeiten muss, sagt Ryans Mutter Elsa. Aber was soll ich denn tun? Sonst könnte er gar nicht zur Schule. Unser Einkommen reicht oft nicht, um die Kinder satt zu kriegen. Gut acht Kilo auf den kleinen Schultern – damit über ein wackliges Brett auf den LKW. Jeder auf Negros weiß, dass die Kinder als billige Arbeits- kräfte ausgebeutet werden. Doch die Großgrundbesitzer sind einflussreich. Niemand unternimmt etwas.
Nelson Eddie Dimatogui, Plantagenverwalter
Der Verwalter dieser Farm sagt: „Hier war noch nie die Polizei oder eine Behörde, um nach Kinderarbeit- ern zu suchen. Die Eltern wollen auch nicht, dass den Kindern die Arbeit verboten wird. Sie brauchen das Geld.“ In den Feldern eine Deponie. Wer keine Arbeit auf den Farmen findet, muss sich anders durch- schlagen, zum Beispiel mit dem Verkauf von verwertbarem Müll. Mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche – so Schätzungen - gefährden auf den Philippinen ihre Gesundheit, weil sie ihre Familien miternähren müssen.
Gesetze, die das verbieten, gibt es, aber nur auf dem Papier. Die Inselhauptstadt Bacolod. Der Nieder- gang der Zuckerindustrie betrifft fast jeden, weil es hier kaum etwas anders gibt. Unter den Slumhütten wabert die Dreckbrühe. Oben ringen die Menschen um Sauberkeit. Hier treffen wir jemanden, der ein Geschäft mit dem Elend anderer macht. Romeo Comida ist Zuhälter. Viele Kinderprostituierte kommen aus den Familien der Zuckerrohrarbeiter. Die Armut treibt sie in seine Arme.
Er hat selbst zwei kleine Kinder, aber das hält ihn nicht davon ab, andere junge Mädchen an Freier zu vermitteln. Die Kunden, sagt er, wollen frische Prostituierte, am besten 14 oder 15 jährige. Zuhälter Comida liefert sie. „Ich muss die Mädchen gar nicht suchen, sie kommen von alleine und fragen, ob ich sie vermitteln kann. Ich bin selbst sehr arm, deshalb habe ich kein Gewissen, wenn es ums Geld geht.“ 6000 minderjährige Prostituierte soll es allein auf Negros geben. Privater Sicherheitsdienst vor der Tür. Die Polizei, heißt es, greife selten ein, im Gegenteil, an vielen Clubs verdiene sie mit und frage daher nicht genau nach, wer da seinen Körper verkauft.
Die meisten Kunden sind Filipinos. Pro Nacht verdienen die Mädchen um die 15 Euro – dafür verzichten sie oft auf Kondome. Sie werden geschlagen, einige müssen Drogen nehmen oder mehrere Freier gleich- zeitig bedienen. Viele werden Prostituierte, damit die jüngeren Geschwister zu Schule gehen können. Wir treffen Mai und Cathy. Beide kommen aus zehnköpfigen Familien und haben die Schule früh abgebrochen. Ihr Geld geben sie den Eltern. Die fragen nicht, woher es kommt, auch wenn sie es wohl ahnen. Die 14 jährige Mai geht seit zwei Jahren auf den Strich.
Mai, Kinderprostituierte

„Ich habe angefangen, weil ich manchmal aufgewacht bin und meine Ge- schwister nichts zu essen hatten. Das Geld meines Vaters reichte nicht.
Dann habe ich im Meer Muscheln gesammelt und sie verkauft, es reichte immer noch nicht. Ich fühle mich für meine Geschwister verantwortlich.
Ich schäme mich, aber ich versuche, stark zu sein.“ Cathy ist 16. Tags- über verkauft sie Fisch mir ihrer Mutter, nachts geht sie anschaffen.
Cathy,Prostituierte
„Ich fühle mich schmutzig, aber ich mache es trotzdem. Die Leute reden über mich, wenn ich erst früh morgens nach Hause komme. Ich höre einfach nicht zu. Ich tue es ja nicht für mich, sondern für meine Familie.“ Cathy hat mit 14 zunächst als Hausmädchen gearbeitet. Sie wurde von ihrem Arbeitgeber vergewaltigt. Beide möchten zur Schule gehen – aber wie für viele Mädchen und Jungen auf Negros bleibt auch ihnen wohl nur der Traum von einem besseren Leben. Link:daserste
