Manila - Das Totenfest

Manila Totenfest

Es ist kurz vor Mitternacht.Wir sind auf dem größten Fried- hof von Manila. Und wir sind nicht allein.Viele sind gekom- men, um die Gräber und Mausoleen ihrer Verstorbenen zu besuchen.

Es ist die Nacht vor Allerheiligen. Nach Weihnachten und Ostern ist dies der wichtigste Feiertag auf den Philippinen, dem katholischsten Land Asiens. Wenn die Sonne aufgeht, wird es noch viel, viel voller.

Wohlhabende philippinische Familien leisten sich solche Mausoleen.Milagros Dizon dekoriert die Gräber ihrer Fami- lienangehörigen. Morgen werde ich schick aussehen, sagt die 75-jährige Geschäftsfrau.

Denn dann kommt die Verwandtschaft. Sie ist die letzte noch Lebende von sieben Geschwistern. Immer vor Allerheiligen schläft sie zwischen ihnen. Das Mausoleum bietet den notdürftigsten Komfort für die eine Nacht, sagt sie. Sie fühlt sich den Toten jetzt besonders nah.

Gedenken an die Verstorbenen

Nebenan zwei Schwestern, jedes Jahr wählen sie andere Blumen aus und verteilen die Blüten auf dem Sarkophag des Vaters. Auch sie werden Nachtwache halten: "Gespenstisch ist es überhaupt nicht. Wir sind entspannt, genießen es, beten für unseren Vater und für alle Seelen hier." Der Friedhof Norte ist mehrere Kilometer lang und breit, so groß wie ein Stadtteil. Tote werden auf den Philippinen über der Erde beerdigt. Viele Angehörige verbringen nun 24 Stunden hier. Diese Familie schmückt im Dunkeln. Die Männer reparieren noch den Generator.

Dann wird es hell, aber mit der Totenruhe ist es auch vorbei. Gemeinsames Nachtmahl von mehr als 50 Leuten, ein jährliches Familientreffen. Im ersten Stock sind die Schlafplätze für die Kinder. "Wir erzählen uns viel", sagt Rosario Galang. "Wir tauschen vor allem Erinnerungen an unseren Vater aus. Wir spüren, dass er bei uns ist." Dann wird es etwas stiller. Die Ruhe vor dem richtigen Rummel. Der beginnt nach Sonnenaufgang.

Hochbetrieb auf dem Friedhof

Völkerwanderung zwischen Gräbern und Mausoleen. Zwei Millionen Menschen-so schätzt die Polizei spät- er,besuchen an diesem Tag ihre Familiengräber auf dem Friedhof Norte.Die Mausoleenstraßen der Reich- en. Erschöpfte Besucher nach einer für viele schon langen Nacht. Für diese Familie ist es ein fröhlicher Tag. Die Toten würden immer auf sie aufpassen. Die Kirche mahnt jedes Jahr, es gehe ums Gedenken, nicht ums Geschäft.

Trotzdem werden aus Friedhofswegen Fressmeilen, inklusive Pizzabringdienst, denn die Massen wollen auch gespeist werden. Am Haupteingang: Sicherheitscheck, jedes Jahr kommt es zu Schlägereien, sogar Messerstechereien zwischen Besuchern. Alkohol, Bestecke, harte Gegenstände werden hier einkassiert. Heute trifft auch Arm auf Reich, einige lassen daher ihre Gräber bewachen. Wasserspiele auf dem Sarg, hier wurde nur für diesen Tag eine Innenarchitektin engagiert, damit alles aussieht wie im Paradies.

Lebensraum für die Armen

Zwei Stockwerke für die Toten, daneben wohnen Lebende. Sie wurden für heute ausquartiert, ihre Sachen liegen auf dem Dach. Viele Mausoleen sind bewohnt - von Armen, die die Gräber pflegen, dafür dürfen sie darin wohnen. Die Besitzer des Grabes waren heute nur kurz da. Wenn das Wachs weg ist, kann Lorena Zapata mir ihrem Mann und zwei Kindern wieder einziehen.

"Wir essen und schlafen hier unten, draußen kochen wir. Ich lebe gerne auf dem Friedhof, es gibt keine Probleme mit Drogenabhängigen und Kriminellen wie draußen." Mehrere 1.000 Menschen sind auf dem Friedhof zu Hause. Allerheiligen ist auch ein Tag der Almosen. Auf den Philippinen leben viele Familien von einem Euro am Tag. Die Kinder der Armen kratzen nebenan Wachs ab, um es zu verkaufen.

Modernes Massengrab des Friedhofes auf den Philippinen

Hochbetrieb auch am neuen modernen Massengrab des Friedhofes. Drei Etagen,80.000 Gräber für Urnen und Särge.Praktisch und günst- ig, daher sehr beliebt. Viele Plätze sind zwar noch leer, aber fast alle sind schon verkauft. Für die Angehörigen wird es in diesem Flur schon eng, dabei ist erst die Hälfte belegt.

Gedenken vor der Grabplatte, die unteren Reihen sind am teuersten, die können ohne Leiter geschmückt werden.Am Abend besuchen wir noch einmal Frau Dizon, nun ohne Lockenwickler. Sie hatte viel Be- such, sagt sie:

Einen Priester hatte sie gebeten, die Gräber zu segnen, Freunde und Verwandte waren da. Jetzt vertreibt sie sich die Zeit mit Kartenspielen bis Mitternacht.Und dann streben sie alle wieder auseinander,die Reich- en und die Armen, die Lebenden und die Toten, bis zum nächsten Jahr. Link:daserste.de