Sarahs Story 1-3
Teil 1 - Das Schicksal einer jungen Philippinin wird vermarktet

Die Geschichte von Sarah Balabagan hat die Welt empört. Sarah Balaba- gan, das Dienstmädchen von den Philippinen, hatte vor zwei Jahren ihren Ar- beitgeber in Abu Dhabi mit 34 Messerstichen getötet, als er sie vergewaltigen wollte.
Knapp 15 war sie damals. Ein Gericht verurteilte sie wegen Totschlags zu sieben Jahren Gefängnis, sprach ihr aber gleichzeitig eine Entschädigung von 27 000 Dollar "für die verlorene Ehre" zu. Das Gericht glaubte ihr, in Not- wehr gehandelt zu haben.
Auf den Philippinen schlugen gleichwohl die Wellen des Protestes hoch. Präsi- dent Ramos intervenierte. Es kam zu einem neuen Prozeß: Wegen vorsätzlich- en Mordes wurde Sarah diesmal zum Tode verurteilt, außerdem zur Zahlung eines Blutgeldes von 41 000 Dollar an die Familie des Getöteten.
Wieder einmal hatte die Scharia-Gesetzgebung, die so häufig vergewaltigte Frauen zu Schuldigen macht, zugeschlagen. Jahr um Jahr werden in den arabischen Golfstaaten ausländische Gastarbeiterinnen ent- hauptet, zu Hunderten ausgepeitscht, und kaum jemand nimmt Notiz davon. Doch Sarahs Schicksal machte Schlagzeilen. Denn da war kurz zuvor in Singapur das philippinische Kindermädchen Flor Contem- plación nach einem umstrittenen Indizienprozeß hingerichtet worden, und die Popularität des Präsidenten Ramos, der das nicht hatte verhindern können, war ausgerechnet vor den Wahlen auf einen Tiefpunkt gesunken.
Also wurden Gnadengesuche eingereicht, Rechtsanwälte in Marsch gesetzt, mit der Familie des Getöteten zu verhandeln, die einer Begnadigung zustimmen mußte. Schließlich reiste ein reicher Filipino nach Abu Dhabi, bereit, das Blutgeld zu zahlen, das Sarah nie hätte aufbringen können. Und die Todesstrafe wurde umgewandelt: in zwei Jahre Haft und hundert Stockhiebe.
Als Sarah im August 1996 in Manila eintraf,waren unter den vielen Leuten, die sie am Flughafen begrüß- ten,auch zwei Herren,die an ihrem Schicksal besonderes Interesse hatten: Präsident Ramos und ein öst- erreichischer Fernsehjournalist namens Tuschla, ein Mann, der sich gern um "außergewöhnliche Storys" kümmert. Nahtlos vollzog sich der Übergang von Sarahs Freilassung zu ihrer politischen wie kommerziel- len Vermarktung.
Das unscheinbare Mädchen aus der Tagelöhnerfamilie im südlichen Mindanao war schließlich nicht nur zur Volksheldin im eigenen Land avanciert, sondern auch international berühmt geworden. Zeitungen und Fernsehstationen rissen sich um sie. Sarah hat mittlerweile immerhin eine gute dreiviertel Million Mark auf dem Konto - Spenden aus aller Welt und 145 000 Mark für die Filmrechte an ihrer Geschichte. Sie selbst, sagt sie, wolle nur einen kleinen Teil dieses Geldes behalten, um auf die Oberschule zu gehen und zu studieren.
TEIL 2 - Das Schicksal einer jungen Philippin- in wird vermarktet
Einer von denen, die jetzt von Sarahs Geschichte profitieren, ist der Fern- sehmann Tuschla, der bei ihrer Rückkehr nach Manila als erster Ausländer mit der Kamera zur Stelle war und ihr Vertrauen gewann. Sein Film läuft als Trailer bei all den vielen Talk Shows, an die er sie in aller Welt vermittelt
hat. Einen Teil des dafür kassierten Geldes bekommt er, den anderen Teil nimmt das Ehepaar Sing für sein minderjähriges "Mündel" in Empfang. Peter Sing, Journalist und Inhaber einer Werbeagentur, sagt auf die Frage, warum sie Sarah in ihre Obhut genommen hätten, sein Arbeitgeber habe ihn darum ge- beten. Dieser Arbeitgeber ist William Gatchalian, einer der mächtigsten chinesisch-philippinischen Tyco- ons, der Mann, der das Blutgeld gezahlt hat.
Nach einem Fernsehauftritt seines Schützlings in Deutschland ließ Peter Sing eine Presseerklärung ver- teilen, in der sich Sarah überschwenglich bei den Politikern am Golf und den freundlichen Gefängniswärt- ern bedankte.William Gatchalian führte derweil wichtige Geschäftsbesprechungen in Saudi-Arabien, zu- sammen mit seinem Freund, dem Vizepräsidenten der Philippinen. Dieser Mann, der populäre ehemalige Filmschauspieler Joseph Estrada, genannt Erap, möchte der nächste Präsident des Landes werden.
In seinen Filmen hat er die Rolle der Unterdrückten gespielt, das Volk identifiziert sich mit ihm. In seiner politischen Karriere hat er den chinesisch-philippinischen Geschäftsleuten die Mafia vom Hals geschafft, wohl wissend, wie wichtig dieses Big Business für das Land ist. Da wäscht eine Hand die andere. Freilich, ein bißchen populärer als Macho-Darsteller Erap ist derzeit noch Sarah Balabagan. Was liegt da näher, als sie für den Gewinn der Präsidentschaft einzuspannen ?
Aus dem häßlichen Entlein im schwarzen Tschador ist inzwischen ein hübscher Teenager in modischen Kleidern geworden. Herumgereicht zu werden macht ihr offensichtlich Spaß. Dennoch wirkt sie bei ihrem Auftritt etwas eingeschüchtert. Gefragt, wann die Oberschule beginne, schaut sie unsicher zu Herrn Sing, den sie "Großer Bruder" nennt. "Man darf sie nicht überfordern", sagt Herr Sing streng. Siebzehn ist Sarah inzwischen, intelligent, aber mit ihrer neuen Rolle total überfordert. Natürlich hat sie gewußt, was mit den Hausmädchen am Golf geschieht, damals, als ihre Familie sie, die älteste Tochter, als Opfer aus- guckte.
Alle wissen es in diesen Ländern, die die Arbeitssklaven stellen, aber die Armut läßt sechs Millionen asia- tischen Frauen keine Wahl. Natürlich gibt es immer die Hoffnung,einen Job in Hongkong zu ergattern od- er in Singapur.Aber als dann der Mann von der Rekrutierungsmafia zu den Balabagans kam und mit ein- em Monatseinkommen von 250 Mark lockte, was immerhin doppelt soviel ist wie das Gehalt einer Lehr- erin in Manila, da wurde sie eben losgeschickt.
Teil 3 - Das Schicksal einer jungen Philippinin wird vermarktet

Der Lohn eines Jahres geht in der Regel für den Mittelsmann und für das Flugticket drauf. Erst dann beginnt der Verdienst. Darum sagen sie auch nichts, wenn sie nur schleppend bezahlt werden, wenn man sie schlägt,sie vergewaltigt, sie sechzehn Stunden am Tag arbeiten läßt.
Menschenwürde ist ein Luxus der Reichen. Ihre eigenen Kinder lassen die Frauen zurück,um die Kinder anderer Leute großzuziehen, oder sie sind so jung wie Sar- ah, weil viele Arbeitgeber solche Mädchen besonders gern nehmen.
Sieben Millionen Filipinos, zehn Prozent der Bevölkerung, arbeiten im Ausland, sechzig Prozent von ihnen sind Frauen,und jede von ihnen ernährt sieben Daheim- gebliebene. Diese Frauen sind der unsichtbare Teil des asiatischen Wirtschafts- wunders.
Mit ihren Überweisungen (1996 offiziell insgesamt sieben Milliarden Dollar plus inoffiziell etwa zwölf Milli- arden) halten sie die Zahlungsbilanz im Lot. Deshalb helfen ihnen auch ihre Botschaften nicht, wenn sie sich in Todesangst auf deren Territorium flüchten. Und das ist ja auch der Grund, warum die Regierungen schweigen, warum ein philippinischer Präsidentschaftsanwärter mit seinem Förderer, der zugleich Sarahs Gönner ist, die Geschäftsbeziehungen mit Saudi-Arabien poliert, dem Staat, der unter den Dienstmädch- en am meisten gefürchtet ist.
Dies ist schließlich auch der Grund, warum das Versprechen des philippinischen Staatspräsidenten Ramos, er werde den Menschenexport bis zum Jahr 2000 unterbinden, nur eine Woche hielt. "Unsere Organisa- tion, die sich um die Gastarbeiterinnen kümmert, wird das dennoch ändern", sagt Sarah Balabagan ebenso naiv wie überzeugt. Es ist halb zwei Uhr nachts, als sie nach der Talk- Show ins Hotel zurück kommt. Dort wartet bereits ein französisches Fernsehteam,und es hilft kein noch so demonstratives Gähnen. Die Vermarktung geht weiter. Link: Zeit Online
Video: Sarah Balabagan - Das Schicksal einer jungen Philippinin wird ver- marktet

