Bondoc Peninsula - Landlords

Das gefährlichste Gebiet von Bondoc: In den Bergen von San Narciso, im Osten der phi- lippinischen Halbinsel Bondoc, herrscht nicht der philippinische Staat, sondern das Hacienda Law - das Gesetz des Landlords. Der chin- esisch-stämmige Landlord Uy, der seinen Be- sitz noch in Marcos Zeiten anhäufte, gilt als be- sonders rabiat. Er bedroht die Bauern mit Hilfe
seiner Privatmilizen - und manchmal lässt er sie auch umbringen. Die Privatmilizen der Landlords werden „Goons“ genannt - ein Mischwort aus „guns and gold“, weil die Landlords ihren Männern Gewehre und Geld geben und so mit Macht ausstatten.
Der Mord an Julie Empas Deolito: Am 19. Februar 2008 wurde in Uys Gebiet der Bauernführer Julie Empas Deolito von drei Männern entführt.
Drei Wochen später fand ihn die Polizei: in einem Erdloch begraben, die Hände auf den Rücken gebunden und einen Knebel im Mund.
Verhaftet wurde bisher einer der drei mutmaßlichen Mörder: ein gewisser Jerson Carabido, der in dem Ruf steht, für die New Peoples Army (NPA), die maoistische Armee zu kämpfen.
Die Berge rund um San Narciso sind Hochburg der NPA. Diese liefert sich immer wie- der Schießereien mit der philippinischen Armee. Die NPA gilt in den Philippinen als Terrororganisation, die nichts weniger will als die Revolution.
Eine mutige Frau: Nach dem Mord an Julie Deolito verließ seine Ehefrau Rosemenia mit ihren acht Kindern das Haus und lebt seitdem in einem Ort in der Nähe von San Narciso:
Sie hat Angst vor den beiden Entführern ihres Mannes, die noch in Freiheit sind. Jetzt will Rosemenia das Amt ihres Mannes als Abgeordnete „Kagawat“ im Regionalparla- ment übernehmen.
Vor ihrem Eheman, "Kagawat" Julie Deolito, war bereits dessen Vorgänger ermordet worden. Außer Rosemenia will nun keiner mehr in dieses Amt. "Kagawats" kennen viele Bauern und haben große Macht - was den Landherren ganz und gar nicht gefällt.
Keine klaren Fronten: Am 5. und 6. Mai fuhren wir, das IPON-Team Manuel Narjes und Gisela Dürselen, mit Genard, dem Sohn des Ermordeten, und unserem Tagalog-Dolmetscher Aries in die Berge von San Narciso.

Dort trafen wir Genards Mutter Rosemenia, Zeugen des Mordes an Julie Deolito und bedrohte Bauern, die uns ihre Geschichten erzählten. Wer mit den Bauern spricht, versteht sehr bald: Auf Bondoc ist alles möglich, und nichts eindeutig. Es gibt keine klare Fronten;Gut und Böse liegen eng beieinander. Manche Bauern arbeiten heute als Goons von Uy,kämpfen morgen für die maois- tische NPA und stellen vielleicht übermorgen einen An-
trag beim Staat um Land. Weil die Bauern so arm sind, arbeiten sie oft für den, der am besten zahlt. Die Geschichte des Augenzeugen. Die Nacht des 19. Februar 2008 - die Nacht der Entführung:
Der Landkreispolizist Antonio Palacio, sechs weitere Männer und Bauernführer Julie Deolito singen in einer Videokebar und trinken reichlich Gin. Da springt plötzlich die Tür auf, drei Männer halten den Leuten in der Bar ihre Gewehre vor die Nase, und alle müssen sich auf den Boden legen. Alle bis auf einen: Julie Deolito – den nehmen sie mit.
Nachdem Julie Deolito gebunden in einer Grube gefunden worden war, will keiner der Gäste in der Bar sich mehr erinnern. Jeder hat Angst, keiner will etwas sagen. Nicht so Antonio Palacio:
Er ist der Cousin des Toten, und Familie ist wichtiger als alles andere. Antonio Palacio beschreibt die Gesichter der Männer. Er beschreibt sie bei der Polizei; beim Militär und im Bureau of Investigation in Manila.
Dann streiften einige Nächte lang fremde Männer um das Haus von Antonio Palacio. Dabei grölt- en sie: „Wir bringen euch alle um.“ Die Polizei hat Antonio Palacio Zeugenschutz versprochen – aber sonst ist bisher nichts geschehen.
„Die Leute haben kein Vertrauen in die Polizei, weil einige von ihnen zu den Goons helfen", sagt Antonio Palacio. Ein Cousin hat Antonio Palacio angeboten, zu ihm nach Visayas zu ziehen - fernab von den Goons auf Bondoc. Antonio Palacio bleibt.
Er will da sein, falls der Prozess beginnt. Der Bauer Timoteo Amante wohnt eben- falls in den Bergen um San Narciso. Seine Geschichte handelt von unbekannten Män- nern, die vielleicht die Goons des Uy sind, vielleicht aber auch zur NPA gehören:

In einer heißen Juni Nacht schreckt Bauer Timoteo Am- ante aus dem Schlaf, weil das Schwein quiekt. Er geht ans Fenster und sieht zwei Männer mit Taschenlampen um sein Haus schleichen.
Timoteo Amante holt sein langes Bolo-Buschmesser und sieht am Fenster einen der Männer, als ein Schuss fällt. Der Bauer hat Glück: Gerade im richtigen Moment dreht er sich um. Die Kugel streift ihn nur an der Brust.
Timoteo Amante zeigt seine Wunde dem Dorfpolizisten, doch dieser winkt ab: Timo- teo Amante sei nicht angeschossen - er habe sich selbst mit einem spitzen Gegen- stand verletzt.
Drei Wochen später wird Bauer Timoteo Amante wieder jäh geweckt. Dieses Mal gackert ein Huhn. In dieser Nacht schleichen sieben Männer um das Haus. Es fallen mehrere Schüsse, die keinen treffen.
Timoteo Amante geht zum Militär, weil er der Polizei nicht mehr traut. „Wir strengen uns an“, sagt der Offizier: „Aber es gibt eine Übereinkunft. Es ist besser, wir vergess- en den Fall.“
In jener Zeit gab es so viele Anzeigen in dem Gebiet von Uy, dass Bauernführer und Landherr ein Abkommen trafen:
Alle bisherigen Fälle würden vergessen; alle Anzeigen geschlossen. Das war im Jahr 2003. Seitdem hat Timoteo Amante keinem mehr etwas von seiner Wunde in der Brust erzählt,und auch nicht von den Männern vor seinem Haus.
Er weiß, dass die Männer gekommen waren, weil er "Petitioner" ist: ein Bauer, der sein Recht in Anspruch nimmt und im Rahmen der Landreform CARP eigenes Land beantragt.
Viele Antragsteller werden bedroht; manche von ihrem Land verjagt, andere einfach umgebracht. Die Gesichter der Männer mit den Gewehren hat sich Bauer Timoteo Amante gemerkt:
Dabei war unter anderem Ernel Palacio, der Sohn von Antonio Palacio, der jetzt Au- genzeuge im Mordfall von Julie Deolito ist. "Die Familie Palacio gehörte damals zu den Goons", sagt Bauer Timoteo Amante.
"Keiner weiß, ob diese Leute es heute noch sind.“ Antonio Palacio sage wohl deshalb aus, weil der Ermordete Familie ist. Vielleicht aber auch deshalb, weil ihm Julie Deoli- to im Falle seiner Wahl zum Kagawat helfen wollte, Polizeioffizier zu werden:
Eine Hand wäscht die andere. Wer einem anderen einen Gefallen tut, kann sich sicher sein, dass der andere das Gleiche tut. Wer eine Bringschuld nicht einlöst, verliert sein Gesicht. Das ist bei den Bauern nicht anders als bei den Landlords. @ Gisela Dürselen
