Squatting in Manila
Luzbiminda hat noch drei Monate. Dann komm- en die Bulldozer und machen ihre Hütte platt. Eigentlich hätte sie schon vor vier Wochen wegziehen sollen, aber die Behörden gaben
noch einen Aufschub. Seit zwölf Jahren wohnt sie hier im Barangay Bagong Ilog, am Ufer des Marikina-Flusses. Der Marikina ist ein Seitenarm des Pasig, der sich quer durch Manila windet. Zur Vereinfachung wird von Manila gesprochen, obwohl es kor- rekterweise Metro-Manila heißen müsste.
Metro-Manila, auch „National Capital Region“ (NCR) genannt, besteht aus 17 Städten und Gemeinden, eine von ihnen ist die „City of Manila“. „Ich will nicht weg“, sagt Luzbiminda traurig, „aber das Land gehört nunmal dem Staat,was soll ich machen?“. Sie sei glücklich hier, sagt sie und lächelt verlegen, wahrscheinlich, weil sie weiß, dass das schwer zu glauben ist. Der Fluss stinkt.
Wie alle Gewässer Manilas ist er biologisch tot. Plastiktüten, Flaschen und anderer Müll treiben langsam in der braunen Soße.Vielleicht zehn Meter sind es zwischen Ufer und Straße. So wie überall, wo in Manila ein paar Quadratmeter Platz sind, haben hier einige Familien Hütten aufgebaut.
Selbst zusammengenagelte Holzplankengerüste, die Wände aus dünnem Sperrholz, obendrauf das klassische Wellblech. Auf wackeligen Stelzen stehen die Häuschen am Flussufer. „Wenn es heftig regnet, dann steigt das Wasser um zwei Meter, fast bis zur Straße“, sagt Luzbiminda, „aber nach zwei Stunden ist es auch schon wieder ab-
geflossen.“ Dass dann alles voll Müll ist und sie bis zu den Knöcheln im Schlamm ver- sinkt, daran habe sie sich gewöhnt. Früher wohnten sie ein paar hundert Meter vom Fluss entfernt, da sei alles noch besser gewesen.
Aus der Provinz, aus Mindoro, waren Luzbiminda und ihr Mann Ende der 70er Jahre gekommen, weil es dort keine Arbeit gab. Hier in Manila fanden sie ein Stückchen Land und bauten ihre erste Hütte. Gefragt hatten sie niemanden, zwischen zwei Häusern war eben Platz.
Ihr Mann fand einen Job im Hafen und sie machte die Wäsche für die Nachbarn. Drei Kinder bekam Luzbiminda, sie war glücklich. Aber dann kam der Besitzer des Landes und vertrieb sie. Er wollte ein kleines Geschäft aufmachen. Sie weigerten sich, aber als vier Männer mit Baseballschlägern kamen und erst ihren Mann und dann die Hütte zusammenschlugen, da gingen sie.
Nur am Fluss war noch Platz. Ihr Mann wollte da nicht hin. „Eines Morgens war er nicht mehr da“, sagt Luzbiminda re- gungslos, „er hat nicht einmal mit mir gesprochen, er war einfach weg. Ich habe ihn nie wiedergesehen.“ Jetzt ist Luzbiminda 40. Sie hat sich durchgeschlagen und darauf ist sie stolz. „Wir haben genug zu essen, meine Kinder sind gesund, sie gehen sogar zur Schule!“ Die Schule auf der
anderen Straßenseite hat ihnen das Leben gerettet. Jeden Morgen steht Luzbiminda um 4.00 Uhr auf,geht zum Markt um einzukaufen. Dann macht sie kleine Frühstücks- pakete, die sie an die Schulkinder verkauft: Gebratener Reis, Fleisch oder Huhn, ein bisschen Gemüse. Mittags kommen die Schulkinder zurück und kaufen Süßigkeiten.
Viel verdiene sie nicht, aber es reiche zum Überleben, sagt sie. Das sei es, was zähle. Und dass ihre Kinder den Schulabschluss schaffen und vielleicht einmal in einer Un- terkunft mit richtigen Wänden wohnen könnten. Ohne Überschwemmungen. Mit fließ- endem Wasser. Mit Strom. Mit einer Toilette. All das haben sie jetzt nicht.
Der Fluss ist die Toilette, nachts brennt eine alte Petroleumlampe. Das Trinkwasser kaufen sie in Kanistern von Nachbarn. Die hatten genug Geld, um ein paar Hand- werker zu bezahlen, die eine Wasserleitung anzapften.
In einer Nacht-und-Nebel-Aktion legten sie einfach eine Verlängerung bis zu ihrer Hütte am Fluss. Für ein paar Pesos schaute die Polizei weg. Noch drei Monate, dann müssen alle Familien hier weg.
Weil der Pasig Fluss und die Seitenarme wieder schön aussehen sollen. Weil ohne die Hütten am Ufer nicht so viel Müll in den Fluss geschmissen würde. Weil man Frei- flächen braucht, auf denen das Regenwasser versickern kann.
Nach jedem Wolkenbruch während der Regenzeit treten nicht nur die Flüsse und Ka- näle über die Ufer. Große Teile Manilas sind dann regelmäßig überschwemmt, weil die kümmerliche Kanalisation die Wassermassen nicht verkraftet.
Vor allem aber müssen Luzbiminda und ihre Nachbarn gehen, weil das Land auf dem sie wohnen, dem Staat gehört. Sie sind „Squatter“, haben weder Grundbesitz noch einen Mietvertrag und ohne Erlaubnis ihre Hütten errichtet.
1. Niemand weiß,wie viele Millionen „Squatter“ in der Chaosstadt Manila leben
Allein am Pasig-Fluss wohnen rund 350.000 „Squatter“, in ganz Manila sind es mehrere Millionen, wahrscheinlich ein Drittel der Einwohner. Ob in der Stadt 10, 12 oder gar 17 Millionen Menschen leben, das weiß niemand so recht. Die vorliegenden Zahlen sind ungenau, die Entwicklung ist zu rasant.
Die meisten Experten schätzen, dass es mindestens 3,5 Millionen „Squatter“ in Ma- nila gibt. Hinzu kommen Hunderttausende Obdachlose. Wie viele Menschen auf der Straße leben, ist unmöglich zu schätzen.
Diejenigen, die eine Bleibe haben, aber weder Land noch einen Mietvertrag besitzen „Squatter“ zu nennen, ist nicht „Politically Correct“. „Informal Settlers“, „Ur- ban Poor“ oder „Slum Dwellers“ werden sie von denjenigen genannt, die sagen, dass sie es gut mit Ihnen meinen. Die Menschen in den Slums selbst scheren sich nicht um Semantik. Sie seien „Squatter“, sagen sie, jeder wisse dann doch genau wer gemeint sei:
Die Millionen, die an den Ufern der Flüsse und Kanäle,unter Brücken, entlang der Bahngleise und auf Müllkippen, einfach überall dort wohnen, wo genügend Platz war, um eine Hütte aufzubauen. Ihre Lebensbedingungen sind katastrophal, aber sie üb- erleben, weil Geld in der Stadt ist.
Einfache Arbeiten, Betteln, Klauen – irgendwie reicht es so gerade. Seit Jahrzehnten strömen die Menschen nach Manila, weil es in den Provinzen der Philippinen keine Arbeit gibt. Manila: Auf 0,21 Prozent der Landfläche der Philippinen leben rund 15 Prozent der Filipinos. Die Bevölkerungsdichte ist dort sechzigmal höher als im Landes- durchschnitt.
Der internationale Vergleich macht deutlich, wie übervölkert Manila ist. Die Bevölker- ungsdichte hier ist zehnmal so hoch wie die in London. Es gibt feine Wohnviertel mit riesigen Villen, Golfplätze, schicke Einkaufszentren, glitzernde Hochhäuser mit Mar- morportalen von Banken und Versicherungen.
Die daneben herrschende Armut, Krankheit, Verelendung und Verslumung ist kaum vorstellbar. In 15 Jahren werden 80 Prozent der größten Städte der Welt in Asien sein, viele davon in Indien und China. In Südostasien ist Manila im Moment außer Bangkok und Jakarta die dritte sogenannte Megastadt.
Südostasien ist eine Region, die sich in den vergangenen 20 Jahren schneller ent- wickelt hat als jede andere in der Welt. Aus manchen Entwicklungsländern wurden sogenannte Tigerstaaten.
Die wirtschaftliche Entwicklung, vor allem in Singapur, aber auch in Malaysia, Thai- land und mit Abstrichen in Indonesien, hatte auch für die Armen dort positive Aus- wirkungen.
Ausgeklammert sind die anderen südostasiatischen Staaten, die aus verschiedenen Gründen Sonderstellungen haben: Brunei ist aufgrund von Erdölvorkommen eines der reichsten Länder der Welt. Burma leidet unter einer brutalen Militärdiktatur.
Vietnam und Laos, beide kommunistisch, haben sich genau wie Kambodscha nicht von den wirtschaftlichen Folgen der vielen Kriege im vergangenen Jahrhundert erholt, sie sind bettelarm.
Natürlich gibt es immer noch, bzw. seit der asiatischen Finanzkrise 1997 wieder Probleme. Aber viele Wellblechhütten sind verschwunden aus Bangkok und Kuala Lumpur, aus Singapur sowieso.
In Jakarta ist die Situation stabil schlecht, nur in Manila wird die Situation der Armen immer schlimmer. Warum ? Die Philippinen sind ein armes Land, knapp 40 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze.
Das Wirtschaftswunder, das in manchen Ländern Südostasiens Tigerstaaten entstehen ließ, ging an den Philippinen vorbei. Das Geld, das im Land ist, ist extrem ungleich verteilt.
Es gibt eine sehr reiche Elite mit wenigen einflussreichen Famili- en, deren Clans großen Landbesitz haben und Wirtschaft und Politik beherrschen.
Der immense Besitz dieser Familien und die verheerenden Kon- sequenzen der ungleichen Landverteilung in den Philippinen sind
ein Erbe der Politik der Spanier. Mehr als 300 Jahre lang, bis zum Ende des 19. Jahr- hunderts, waren die Philippinen eine spanische Kolonie. Dann kamen die Amerikaner, die erst in den 90er Jahren ihre massive Militärpräsenz beendeten.
Kurz vor und dann noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Philippinen auf dem Papier politisch unabhängig geworden. Die Verfassung und das Bildungssystem sind nach amerikanischem Vorbild verfasst.
Langsam entwickelte sich eine kleine Mittelklasse. Sie gewinnt zwar mittlerweile an Einfluss, ändert aber nichts an der Tatsache, dass die meisten Filipinos nach wie vor arm sind. Heute verdienen die reichsten zehn Prozent im Land 40 Prozent des Brutto- inlandproduktes (BIP).
Die ärmsten 20 Prozent erwirtschaften dagegen nur 5 Prozent des BIP. Besonders eklatant sind Armut und Arbeitslosigkeit auf dem Land. Seit Jahrzehnten wird ver- sucht eine weitgreifende Agrarreform zu implementieren – ohne großen Erfolg.
Die schlechte wirtschaftliche Lage hängt auch mit dem rapiden Bevölkerungswachs- tum in den Philippinen zusammen. In diesem Jahrhundert betrug es im Landesdurch- schnitt jährlich zwischen zwei und drei Prozent.
1903 lebten hier 7,6 Millionen Menschen, heute sind es rund 75 Millionen, im Jahr 2010 werden es 100 Millionen sein. Die Erweiterung der Agrarfläche konnte nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten, in vielen Gebieten hungerten die Men- schen.
Zunächst setzte eine Land-Land-Migration ein, seit Ende der 60er Jahre eine Land Stadt-Migration. Die Flucht vor der Armut aus den Provinzen in die Stadt hat ein noch höheres Bevölkerungswachstum in den Städten zur Folge.
Es ist dort jetzt fast doppelt so hoch wie auf dem Land. 1970 lebten nur ein Drittel der Filipinos in Städten, 1995 schon mehr als die Hälfte. Manila ist besonders be- troffen. Jedes Jahr ziehen eine weitere halbe Million Menschen zu.
Weil die Geburtenrate bei Frauen der armen Bevölkerungsschicht überproportional hoch ist, wachsen Manilas Slums noch schneller als der Rest der Stadt. Manila ist seit Jahrhunderten das Zentrum der Philippinen.
Die Stadt liegt in einer vor Stürmen gut geschützten Bucht, die tiefes Wasser und deshalb einen Hafen hat, in den große Schiffe einlaufen können. Seit ca. 500 nach Christus handeln China und die Philippinen miteinander, Manila war der bevorzugte Umschlagplatz.
Die Stadt ist umgeben von zwei Agrargebieten mit besonders fruchtbarem, vulkani- schem Boden: Von der zentral-luzonischen Tiefebene und von der Hügellandschaft Batangas. 1571 wählte der spanische Generalgouverneur Manila als seinen Amtssitz und machte es so de facto zur Hauptstadt der Kolonie.
Die Siedlung bekam eine Monopolstellung für den Außenhandel. Parallel dazu wurden in Manila alle relevanten politischen Institutionen geschaffen.
Das von den Spaniern errichtete, zentralistische Herrschaftssystem wurde sowohl von der zweiten Kolonialmacht, den Amerikanern, als auch von der ersten philippinischen Regierung beibehalten.
Gleichzeitig wurde die Entwicklung der Infrastruktur und der Bildungs- und Gesund- heitseinrichtungen in den Provinzen vernachlässigt.
Die Folgen sind bis heute deutlich. Unangefochten ist Ma- nila das politiscadministrative, wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Zentrum der Philippinen.
70 Prozent aller Telefonanschlüsse des Landes sind hier. Ohne Alternative geht von Manila eine Magnetwirkung für
Migranten aus. Die seit Jahrzehnten anhaltende Zuwanderung führte zu einer dra- matischen Übervölkerung der Stadt. Die Folgen sind in vielen Bereichen massiv, am offensichtlichsten sind sie in den Bereichen Arbeit, Wohnen, Verkehr, Umweltbelast- ung und Wasser.
Manila hat die dreckigste Luft der Welt. Die Kohlenmonoxid-, Schwefeldioxid-, Blei- gehalt-, und Schwebstaubbelastungen sind zwei- bis dreimal so hoch wie in euro- päischen Großstädten.
Hauptverursacher der Luftverschmutzung sind rund eine Million Kraftfahrzeuge, mehr als die Hälfte des nationalen Gesamtbestandes, die durch Manila kriechen – Durch- schnittsgeschwindigkeit 8 km/h.
Täglich werden rund 30.000 Liter Benzin in Kraftfahrzeugen verbrannt. Katalysatoren oder bleifreies Benzin gibt es praktisch nicht – schwarz ist das, was aus den Auspuff- en der Jeepneys, Busse und LKW geblasen wird.
Ironischerweise trägt ein Gesetz, der sogenannte „Clean Air Act“, sowohl zur Luft- verschmutzung als auch zum Problem der Müllentsorgung bei. Demnach ist es ver- boten, Müll zu verbrennen, deshalb gibt es keine Müllverbrennungsanlagen.
In Manila werden täglich 6.000 Tonnen Müll produziert. Nur zwei Drittel aller privaten Haushalte werden von der städtischen Müllabfuhr erfasst. Der Abfall, der abgeholt wird, wird mit LKW‘s zu riesigen Müllkippen gebracht, die in der Umgebung der Stadt sind.
Dort wird der Müll sich selbst überlassen. Im vergangenen Jahr begrub auf einer dieser Kippen (in Payatas) eine Mülllawine „Squatter“, die am Fuße des Müllbergs wohnten. Mehrere Hundert Menschen starben.
Momentan sind viele Müllkippen auf Anweisung von Richtern geschlossen. Anwohner und Umweltschützer hatten gegen Gestank protestiert bzw. auf Folgen für das Grund- wasser hingewiesen.
Weil jetzt ein großer Teil von Manilas Müll nicht abgeholt und entsorgt werden kann, wird er einfach verbrannt.
Unkontrolliert, nicht in einer modernen Müllverbrennungsanlage, die es wegen des „Clean Air Act“ nicht gibt, sondern illegal an den Straßenecken.
Nur zwei Drittel aller Haushalte Manilas haben einen Wasseranschluss und eine Toi- lette. Während der Trockenzeit ist die Wasserversorgung auch für sie nicht gewähr- leistet. Regelmäßig gibt es nur wenige Stunden pro Tag Wasser.
Die Abwasser der Stadt, rund eine Million Kubikmeter pro Tag, werden fast aus- schließlich ungereinigt in den Pasig-Fluss oder direkt ins Meer geleitet. Manila – eine Stadt, deren Infrastruktur in jeder Hinsicht überfordert ist mit der Flut von Menschen, die hier hingezogen sind und immer noch hinziehen.
Neue Projekte, zum Beispiel der Bau von Nahverkehrsstrecken, können die Situation nicht verbessern. Sie können nur dazu beitragen, dass sich die Verhältnisse lang- samer verschlechtern. @ Moritz Kleine-Brockhoff




