Smokey Mountains - Ein Leben auf dem Müllberg

Smokey Mountains - Ein Leben auf dem Müllberg

In Tondo befindet sich eine der größten Müllhalden Manilas. Smokey Mountains werden diese dampfenden Müllberge genannt, nach dem brennenden Abfall, der das Gelände häufig in riesige Rauchschwaden hüllt. Ohne Kanalisation, Wasserversorgung und Elektrizität wohnen die Ärmsten der Armen unter katastrophalen Bedingungen am Rande der Abfallberge oder direkt auf ihnen.

Mitten auf dem Müllberg wird gekocht, gegessen und geschlafen. Notdürftige Behausungen bieten kaum Schutz vor Ungeziefer, Regen und Hitze. Luft und Wasser sind vergiftet. Ungeziefer und verheerende hygienische Bedingungen, die sich während der

Monsunzeit noch verschlimmern, sorgen für die Verbreitung von Tuberkulose, Hauterkrankungen, Wür- mern und anderen Krankheiten. Vor allem die Kinder, häufig durch Mangel- und Unterernährung ge- schwächt, leiden unter diesen schrecklichen Bedingungen.

In dem aufstrebenden Manila leben zugleich schätzungsweise 35 Prozent der Menschen in Elendsvierteln, fast vier Millionen Menschen. 11 Prozent der Slumbewohnerinnen und -bewohner haben ihre Hütten an gefährlichen Stellen errichtet. An Flussufern, an Gleisen oder am Abhang von Mülldeponien.

So wurde der Smokey Mountain, ein Müllberg direkt am Hafen, in den 1980er Jahren zu einem unrühm- lichen Wahrzeichen Metro Manilas. Mehr als 20.000 Menschen lebten am und vom Smokey Mountain. Anfang der 1990er Jahre wurde das "Smokey Mountain Development and Reclamation Project" aufgelegt.

Die Deponie sollte saniert werden und für die Familien sollte neuer Wohnraum entstehen. Doch 1995 räumten bewaffnete Kommandos das Slum: Die Hütten wurden niedergerissen, die Familien vertrieben. In den kommenden Jahren wurde der Smokey Mountain zwar abgetragen.

Das neu gewonnene Land am Hafen wurde gewinnbringend verkauft, doch die versprochenen Wohnblocks wurden nie fertig gestellt. Die Familie zogen weiter. Und viele gingen nach Payatas, zur Mülldeponie in Quezon City.

Dort stürzte im Sommer 2000 nach heftigen Monsunregen der riesige Müllberg in sich ein und begrub mehr als 200 Menschen unter sich.

Smokey Mountains - Ein Leben auf dem Müllberg

Tausende von Menschen leben hier, im Hafenviertel von Manila, in ärmlichsten Behausungen, die aus Brettern, Pappe und Blechen zusammengezimmert worden sind.

Wichtige Ver- und Entsorgungs- einrichtungen fehlen oder sind nur völlig unzureichend vorhanden. Unter dem enormen Bevölkerungs- druck entstand dieses für das Erscheinungsbild eines Entwicklungs- landes typische Elendsviertel.  Die Suche nach recyclebaren Mat- erialien wie Plastik, Papier, Glas, Holz, Aluminium u. a. zieht die Menschen auf den Müllberg.

Mit bloßen Händen wird sogar nach Essensresten gesucht, die später abgekocht an Haustiere verfüttert werden. Scavenger, Aasfresser, werden die Menschen genannt, die diese Arbeit unter härtesten Beding- ungen auf den Müllbergen verrichten. Ein Verdienst von 100 bis 200 Pesos (ca. 2 bis 3 Euro) kann am Tag von der Familie eines Scavengers erzielt werden. Alle Familienmitglieder müssen helfen.

Smokey Mountains - Ein Leben auf dem Müllberg

Kinderarbeit ist selbstverständlich, ohne die Hilfe der Kinder kommt die Familie nicht durch.  Ein "Abfallsyndikat" zieht die Fäden im Hintergrund und organisiert, für einen Außenstehenden nicht erkennbar, das Chaos, das um die im Minutentakt eintreff- enden Mülllastwagen herrscht.

Die Verteilung der "Sammelrechte" für bestimmte Materialien wird bei jedem ankommenden LKW (in Payatas täglich über 500) neu geregelt. Die Fundsachen werden anschließend sortiert, in Säcke verpackt und an Zwischenhändler, die "Junk Shops" betreiben,

verkauft. Von diesen Sammelstellen gelangt das Material durch die Hände weiterer Großhändler in die Fabriken zum Recycling. Regierung und Abfallwirtschaft profitieren von der Arbeit der Scavenger und haben deshalb wenig Interesse, die bestehenden Verhältnisse zu ändern.

Smokey Mountains - Ein Leben auf dem Müllberg

Scavenger tragen dazu bei, die Gesamtmasse des anfallenden Mülls zu verringern. Der Staat müsste Millionen aufbringen, Arbeitskräfte dafür einzustellen.

Scavenger helfen im großen Maße, recyclebare Materialien der In- dustrie wieder zuzuführen und letztlich nehmen sie es der Regierung ab, Arbeitsplätze für sie und die vielen, die im "Müllgeschäft" tätig sind, zu schaffen. 

Viele der zumeist noch jungen Menschen blicken auf ein bewegtes Leben zurück. Ein 17-jähriger erzählt:

"Als ich ein Jahr alt war, starb mein Vater – er wurde während eines Streits erstochen. Um zu überleben, begann meine Mutter in der Nähe der Müllhalde Süßigkeiten zu verkaufen. Ich ging fünf Jahre lang zur Grundschule, doch dann wurde unsere Squattersiedlung von Regierungstruppen niedergerissen. Dabei verlor ich alle meine Schulbücher und meine Schuluniform.

Smokey Mountains - Ein Leben auf dem Müllberg

Vor einigen Monaten musste mein Bruder in die Provinz flücht- en, weil er einen Mann niederstach, der versuchte, den Freund meines Bruders zu töten. ..."  Ein Mädchen von 13 Jahren berichtet:

"Meine Eltern stritten ständig. Meistens waren sie betrunken. Ich habe noch neun weitere Brüder und Schwestern.

Wir hatten nicht genug Geld, um zur  Schule gehen zu können. Als ich neun war, lief ich von Zuhause weg, seitdem lebe ich auf dem Müllberg. Ich traf Jungen, die mich mißbrauchten und als

Gegenleistung vor anderen beschützten. Ich wurde drogenabhängig und schnüffelte Kleber. ..." Traurige Berühmtheit und kurze weltweite Aufmerksamkeit erlangten am 10. Juli 2000 die Müllberge von Payatas. Tagelanger Regen der beiden Taifune Didang und Edeng hatte die steilen Hänge der Halde mit Wasser durchtränkt und instabil gemacht.

Mit gewaltigem Getöse geriet ein Hang auf 300 Meter Breite ins Rutschen und begrub in Sekunden- schnelle eine ganze Squattersiedlung des Dorfes Lupang Pangako unter sich. Kurz nach der Katastrophe wurde offiziell von 279 Toten gesprochen, Tage später war jedoch klar: 400 bis 800 Menschen kamen ums Leben oder bleiben für immer vermisst. Link: klett-verlag