DIE SÜDLICHEN PHILIPPINEN - TEIL 1
Einleitung:
Philippinische Muslime bilden eine kleine religiöse Minderheit von etwa fünf Prozent in den überwiegend christlichen Philippinen. Sie bewohnen hauptsächlich die Inseln Mindanao und das Sulu-Archipel sowie Südpalawan und bestehen aus 13 ethnolinguistischen Gruppen.
Seit nunmehr über 35 Jahren schwelt ein Bürgerkrieg zwischen philippinischer Regierung und islamischen Separatisten. Ziel dieser Separatistenbewegung ist es, eine unabhängige islamische Republik in den südlichen Philippinen zu errichten. Sie berufen sich dabei auf ihre islamische Einheit und eine Kultur, die sich von der mehrheitlich christlich-philippinischen Kultur unterscheidet.
Dem nationalistischen Postulat einer kulturellen und religiösen Einheit folgend, behandeln die zu dem Thema existierenden wissenschaftlichen Arbeiten der letzten 35 Jahre die philippinischen Muslime meist als vornehmlich homogenes Kollektiv, welches durch eine geteilte islamische Identität verbunden ist.
Dabei wird für alle Muslime in den südlichen Philippinen der spezifische Begriff „Moro“ benutzt, um die postulierte gemeinsame Identität als muslimische Filipinos zu bezeichnen. Mit diesem Bild einer homo- genen muslimischen Bevölkerung im Kopf reiste ich erstmals 2001 in die südlichen Philippinen, stellte dort aber bald fest, dass es sowohl innerhalb der muslimischen Befreiungsbewegung als auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene eine Vielfalt ideologischer, kultureller, sozialer und ökonomischer Diff- erenzen gibt, die das Konstrukt eines homogenen Kollektivs mehr und mehr fraglich erschienen ließen. Bei meinen weiteren Philippinenreisen in den Jahren 2002, 2003 sowie 2004 ging ich daher vor allem der Frage nach, inwiefern das Ideal einer muslimischen Einheit, wie es von der muslimischen Nationalis- musbewegung vertreten wird, mit der sozialen Wirklichkeit in den muslimischen Gebieten der südlichen Philippinen übereinstimmt.
Dieser Fragestellung werde ich in der vorliegenden Arbeit nachgehen und mich zu diesem Zwecke den ideologischen und sozialen Differenzen zuwenden, welche die muslimische Bevölkerung spalten. Diesbe- züglich lassen sich zwei analytische Untersuchungsbereiche voneinander abgrenzen: Der ideologische Islamisierungsdiskurs auf der Makroebene und demgegenüber die politische und soziale Ordnung, wie sie sich auf der Mikroebene gesellschaftlichen Lebens manifestiert.
Auf ideologischer Ebene, so meine These, verläuft die Hauptkonfliktlinie innerhalb der muslimischen Elite zwischen den Vertretern zweier konkurrierender Islamvarianten, welche um die Unterstützung der musli- mischen Bevölkerung kämpfen. Auf der einen Seite stehen Vertreter der muslimischen Nationalismusbe- wegung, welche sich seit den frühen 1980er Jahren verstärkt für einen Islam einsetzen, der sich streng an der Sharia ausrichten soll. Dieses Islamverständnis setzt sich bewusst in Opposition zu den Vertretern der traditionellen lokalen Eliten, die auf der anderen Seite einen lokalspezifischen Islam vertreten, der dynastisch geprägt ist und sich an der Person des Herrschers orientiert.
Dieser Konflikt ist keine regionalspezifische Besonderheit,sondern kennzeichnet das grundsätzliche Span- nungsverhältnis zwischen einem globalen Islam mit absoluten Anspruch und den Übersetzungen dieses Islams in lokale Kontexte. Der erste Teil der Arbeit widmet sich daher der Darstellung dieses grundsätz- lichen Spannungsverhältnisses. Dabei greife ich hauptsächlich auf diverse Analysen von verschiedenen Aussagen zurück, da sich diese Ausführungen über die Konkurrenz zwischen den „klassischen religiösen Stilen“ der lokalen islamischen Traditionen und den Vertretern einer orthodoxen skripturalistischen Islam- variante hervorragend auf die südlichen Philippinen übertragen lassen. Mit Hilfe des Geertzschen Analyse- rahmens werde ich anschließend die Gegensätze zwischen den zwei muslimischen Führerriegen in den südlichen Philippinen beschreiben, die diese heterogenen islamischen Positionen vertreten. Das zweite Kapitel wird sich zuerst mit dem „klassischen religiösen Stil“ der südlichen Philippinen beschäftigen, des- sen lokale islamische Tradition um die Institution der Königsherrschaft herum entworfen war.
Dabei wird ein Blick auf die Verbreitung des Islam in den Philippinen und seine lokalspezifische Form zeig- en, dass die muslimische Bevölkerung in einer hierarchisches Rangsystem unterteilt war, an deren Spitze untereinander konkurrierende lokale Herrscher standen. Kapitel Drei wird anschließend darlegen, welche Rolle die lokalen islamischen Herrscher während der spanischen und der amerikanischen Kolonialzeit spielten.
Dieses Kapitel zeigt, dass die islamische Elite auch während dieser Zeit durch interne Streitigkeiten ge- spalten war und sich erst gegen Ende der amerikanischen Kolonialzeit die Anfänge eines regional ge- prägten muslimischen Bewusstseins entwickelten. Kapitel Vier beschreibt im Folgenden die Entstehung einer muslimisch - nationalistischen Gegenelite, die sich zunehmend in Opposition zu den traditionellen Führern mit ihrem lokalen Islamverständnis stellte. In diesem Kapitel wird einerseits mit Hilfe verschied- ener Nationalismustheorien auf die Konstruktion einer nationalistischen Identität seitens der neuen natio- nalistischen Elite eingegangen.
Andererseits wird der zunehmende Einfluss islamischer Reformbewegungen auf die muslimische National- ismusbewegung thematisiert und dargelegt, wie sich die Dogmatik einer reformistisch –orthodoxen und skripturalistischen Islamvariante auf die nationalistische Ideologie der muslimischen Befreiungsbewegung auswirkte. Hier finden auch die verschiedenen Reaktionen auf die nationalistischen Homogenisierungsbe- strebungen, seitens der traditionellen muslimischen Eliten und der allgemeinen Bevölkerung, Erwähnung.
Dem in Kapitel Vier thematisierten nationalistischen Islamisierungsdiskurs wird das fünfte Kapitel und letzte dieser Arbeit die politische und soziale Ordnung, wie sie sich auf der Mikroebene gesellschaftlichen Lebens in den muslimischen Gebieten der Philippinen manifestiert, gegenüberstellen. Mit Hilfe von ethno- graphischer Literatur wie auch eigenem ethnographischem Material aus meinen langjährigen Philippinen Aufenthalten, soll nun somit die zweite These dieser Arbeit belegt werden, die besagt, dass der nationalis- tische Islamisierungsdiskurs, der auf ideologischer Ebene geführt wird, nicht deckungsgleich mit der so- zialen Wirklichkeit ist.
Zu diesem Zwecke wird sich das letzte Kapitel mit der Existenz kontextueller sozialer Zugehörigkeitsfelder befassen, aus welchen sich die Alltagsidentitätder muslimischen Bevölkerung zusammensetzt. Entgegen dem Postulat einer nationalistisch und islamisch definierten Einheit lassen sich innerhalb der muslimisch- en Bevölkerung verschiedene emisch definierte Solidargemeinschaften feststellen, die es schwer möglich machen, von den philippinischen Muslimen als kulturelle oder politische Einheit zu sprechen.
Diese Solidargemeinschaften der Klasse, der Familie, des Klans sowie der Ethnie werden im letzten Kapit- el vorgestellt. In welcher Beziehung diese verschiedenen sozialen Zugehörigkeitsfelder auf der Mikroebe- ne zu dem auf die Nation bezogenen Identitätsbegriff Moro stehen ist die zentrale Fragestellung meiner Arbeit. Um die multiplen Identitäten in den muslimischen Gebieten der Philippinen einordnen und disku- tieren zu können,werde ich zunächst auf die theoretische Debatte über das Verhältnis von universal-ver- bindlichem und lokalpartikularem Islam eingehen. Link: universität berlin/asienhaus
