Zusammenfassung: Der Konflikt der Religion in der Moderne

„Religiöser Glaube ist auch dann, wenn er aus der gleichen Quelle gespeist wird, eine sowohl partikularisierende wie generalisierende Kraft. Welchen Grad der Universalität eine bestimmte religiöse Tradition erreichen kann, hängt davon ab, in welchem Maße sie eine wachsende An- zahl individueller, ja idiosynkratischer Auffassungen vom Leben aufnehmen und in der Folge aufrechterhalten und weiterentwickeln kann. […]Der zentrale Widerspruch in der Entwicklung von Religion besteht darin, dass sie, je weiter sie fortschreitet, desto mehr gefährdet ist, weil sie sich mit der immer größer werdenden Zahl spiritueller Erfahrungen auseinandersetzen muss“.

So beschreibt Clifford Geertz das generelle Spannungsverhältnis innerhalb des Islam, welches sich aus zwei sich entgegengesetzten Notwendigkeiten ergibt. Denn einerseits muss sich jede Religion, die den Anspruch auf Universalität stellt, darum bemühen, ein seinem Wesen nach unveränderliches Glaubens- system den lokalen und individuellen Realitäten verschiedenster Gesellschaften und Subgesellschaften anzupassen, ohne jedoch ihre Identität als transnationales, allgemein gültiges, normatives Ordnungs- system zu verlieren.

Die Kluft zwischen diesen beiden Bereichen – dem was die orthodoxe Tradition als die Offenbarungen des Korans ansieht und dem, was die Menschen, die sich als Muslime bezeichnen, wirklich glauben - ist laut Geertz schon immer vorhanden. Er betont jedoch, dass diese Kluft aufgrund der Moderne erstens sicht- barer und zweitens auch immer unüberwindbarer wird. Grund dafür ist, dass die Moderne mit ihrer Be- tonung von Pluralität und Individualität eine starke Diversifizierung gesellschaftlichen Lebens forciert, was der Forderung nach Universalität und Standardisierung grundlegender Glaubensanschauungen und Werte des Islams entgegensteht.

Folgendes Zitat veranschaulicht Geertz Sicht:

„[…] Angesichts der zunehmenden Diversifizierung der individuellen Erfahrung, der verwirren- den Vielgestaltigkeit, die das moderne Bewusstsein kennzeichnet, [ist] die Aufgabe des Islams […], nämlich den Glauben einzelner Menschen zu formen und sich von ihm formen zu lassen, immer schwieriger geworden. Eine Religion die heute allumfassend sein will, sieht sich einer außerordentlichen Vielzahl von Geistesrichtungen gegenüber, die sie umfassen müsste“.

Geertz zeigt, dass dieser Konflikt nicht gelöst werden kann, da es in der Realität keine universale Gesell- schaft und somit auch keine stetig gleichförmige universale Religion gibt. Den zumindest theoretisch uni- versal verbindlichen Aspekten der Religion, wie beispielsweise den fünf Säulen des Islam, stehen eine Vielzahl partikularer, historisch geprägter, regional spezifischer Aspekte zur Seite. Link: universität berlin/asienhaus