Der Mythos vom Morosein
Der Begriff “Moro” stammt nicht aus dem Sprachgebrauch der ethnolinguistischen muslimischen Grupp- en. Vielmehr ist “Moro” das spanische Wort für die „Mauren“ oder „Mohren“, die, im Jahr 711 von Mauretanien in Nordafrika aus, die iberische Halbinsel eroberten und dort bis 1492 herrschten. Die Span- ier trafen in den südlichen Philippinen nun wiederum auf Muslime, die sie unliebsam an die einstigen In- vasoren ihres Heimatlandes erinnerten, die sie erst kürzlich zuvor (1492) mit der Einnahme von Granada von der Iberischen Halbinsel vertrieben hatten.
Moro wandelte sich im Laufe der spanischen Kolonialzeit von einer neutralen Bezeichnung für alle Men- schen, die dem islamischen Glauben angehörten, in einen abschätzigen Begriff,der negative Konnotation- en enthielt – Moros wurden allesamt zu Piraten, Banditen, Verrätern, Sklavenhändlern und unzivilisierten Personen erklärt. Die amerikanischen Kolonialherren übernahmen das Wort, mitsamt seiner beiläufigen Konnotationen, als exklusive Bezeichnung für alle muslimischen Ethnien in den südlichen Philippinen.
Zusätzlich begannen sie den Begriff “Moroland“ zur Bezeichnung Mindanaos und Sulus zu gebrauchen. Der ständige und exklusive Gebrauch des Begriffes durch Außenseiter führte abseits seiner negativen Konnotationen dazu, dass die wirkliche kulturelle und linguistische Differenz zwischen den philippinischen Muslimen verschleiert wurde. Innerhalb der muslimischen Bevölkerung selbst war der Begriff jedoch noch nicht gebräuchlich, wie folgende Beobachtung von Edward Kuder zeigt:
“The Moros are those natives who are Mohammedans. They did not give this name to themselves, nor do they use it among themselves, but they recognize it, when applied to them by others”.
Die muslimische Bevölkerung lehnte den Begriff aufgrund seiner zahlreichen negativen Konnotationen im Allgemeinen ab. Erst ab den 1970er Jahren,als die MNLF das Wort auf die Fahnen ihres Unabhängigkeits- kampfes schrieb, begann “Moro” eine neue Bedeutung zu bekommen. Der vormals eher negative Begriff erhielt durch die positive Aneignung der Nationalisten eine neue Dimension:
Morosein wurde eine Quelle des Stolzes an sich. Die MNLF drückte dies mit eigenenWorten aus:
Originally, the use of the term Moro by the colonialists was meant to perpetuate an image of the Muslim people of Mindanao, Basilan, Sulu and Palawan, as savage and treacherous, while they are simply daring and tenacious in the defense of their homeland and faith. But despite its colonial origins the Moro National Liberation Front has cleansed the term of its unpleasant connotation by propagating the more correct view that the tenacity with which the natives conducted their war of resistance against foreign intrusion was a classic exercise of heroism”.
Der Begriff “Moro” wurde durch Nur Misuari und andere muslimische Nationalisten für diejenigen, die ihn benutzten, zum Symbol einer geteilten muslimischen Geschichte und eines gemeinsamen, furchtlosen Widerstandes gegen die koloniale Herrschaft.
Er sollte die Ehre, den Stolz und den Mut widerspiegeln, die sich aus der Widerstandsgeschichte gegen die Kolonialisierung ableiteten. Von nun an sollte der Begriff,so die MNLF,von den verschiedenen muslimisch- en Ethnien als nationale Identifikationsquelle genutzt werden. Frake sieht in dieser neuen Selbstidentifi- kation ein Mittel zur Vergrößerung des Unterschiedes und der Opposition zu jenen, die diesen Begriff zu- vor auf abschätzige Weise gebraucht haben:
“With the escalation of conflict between Moslems and the Philippine government in recent decades, Moslem political and military leaders have adopted a strategy now familiar in ethnic conflict. They have taken an externally applied slur as their own selfidentification, a tactic aimed on emphasizing the common historical experience of all Philippine Muslims as victims of the slurrers”.
Dabei wurde “Moro” dem Begriff “Muslim” vorgezogen, war doch ein Begriff nötig, der eine nationale Identität bereitstellen sollte, keine ausschließlich religiöse. Es wurde dafür ein regional anwendbarer Be- griff gebraucht, der nur die Muslime in den Philippinen bezeichnete. “Moro” konnte dies leisten, indem er die Identität der Muslime in Mindanao und Sulu in einem klar definierten Territorium und innerhalb der philippinischen Geschichte platzierte und somit dem muslimischen Nationalismus seine Legitimität gab. Link: universität berlin/asienhaus
