Die Logik der Fehde

In den muslimischen Gebieten der Philippinen stellen politische Rivalitäten, Landkonflikte, Ressourcenkon- flikte, physische und psychische Übergriffe sowie andere Konflikte, bei denen sich eine oder beide Par- teien in ihrer Ehre verletzt fühlen, die häufigsten Gründe für Fehden zwischen Familien und Klans dar. Es ist dabei zu betonen, dass Fehden primär zur Verteidigung der Ehre (maratabat) ausgefochten werden.

Wird die Ehre des Klans verletzt oder angegriffen kommt dies einem sozialen Gesichtsverlust gleich. Die Ehre und Macht des Klans aufrechtzuerhalten, ist daher die oberste Aufgabe jedes Einzelnen,will er weit- er ein sozial akzeptiertes Mitglied der Gemeinschaft bleiben. Versucht man diese Aufgabe zu umgehen, läuft man Gefahr aus der sozialen lokalen Ordnung ausgeschlossen zu werden. Kein einzelnes Clan-Mit- glied hat die Option sich der Fehde zu verweigern:

„The family group maintains maratabat by social coercion and it is not a matter of individual choice. The alternatives are frightening […]. The descent lines may die out. Or else the individual must get out of the society and suffer complete ostracism becoming a nobody [...] Individuals are expected to be committed to the group sense of maratabat with a view to maintaining order in the community ”.

Die engen Familienbeziehungen machen das Individuum damit praktisch zu einem Gefangenen der eig- enen Gesellschaft, in der er oder sie in Übereinstimmung mit den etablierten sozialen Normen handeln muss. Blutfehden, so führt Claribel Bartolome aus, führen daher innerhalb des Klans zu einem hohen Maß an Kohärenz und Homogenität:

„Relatives of the disputants would close ranks to provide their kin members necessary support as laid down in their system of katetebanga (mutual aid), kapamadgadata (mutual respect) and kapaninindegan (mutual defense)“.

Kann keine friedliche Lösung des Konfliktes erzielt werden, etwa dadurch dass mit Hilfe von religiösen oder traditionellen Führern ein Friedensvertrag ausgehandelt wird, bei dem Blutgeld bezahlt werden muss, gibt es, unter dem Zwang die Familienehre wiederherzustellen, nur noch ein Mittel: den Ehrenmord beziehungsweise die Blutrache. Sobald allerdings ein Mitglied des eigenen Klans im Verlauf eines rido ermordet wird, greift wiederum der Zwang zur Wiederherstellung der eigenen Familienehre.

Die aus der Logik der Fehde entspringende Gegenreaktion besteht in der Tötung des Mörders bzw. eines beliebigen männlichen Mitgliedes des feindlichen Klans, was dementsprechend erneute Gegenrache er- fordert und so einen schwer zu durchbrechenden Gewaltkreislauf auslöst. Dauern die Fehden schon sehr lange an, ist nicht mehr allen Beteiligten klar, was der Auslöser für die Fehde gewesen ist. Nichtsdesto- trotz wird die Fehde, als integrativer Bestandteil des sozialen Verhaltensmusters, als gegeben akzeptiert. Folgender Gesprächsausschnitt mit einem befreundeten Maguindanao verdeutlicht dies:

I.: I will go to Marawi City tomorrow. Do you want to join me?

B.M.: Oh no, I can’t go there.

I.: Why?

B.M.: My family has a rido there. When they see my face there they will kill me.

I.: Why do your family has the rido there?

B.M.: I don’t know. It’s already a long time ago when the rido started. I only know they will kill somebody of my family as soon they see them. Link: universität berlin/asienhaus