Norma geht nach Manila

Resty ist seit Mitte der sechziger Jahre das, was man einen politischen Aktivisten nennt. Er erhält seine Feuertaufe in der 1964 gegründeten Kabataang Makabayan, der Jugendliga der KP, als Armee und Polizei die Tondo-Leute wie Treibgut behandeln und mit Gewalt auseinander treiben, als hätten sie es nicht verdient, sesshaft zu sein. Menschen, denen man es jederzeit bestreiten kann, den verlorenen Faden des Lebens wieder aufzunehmen.

Auch Norma Alvarez hat darunter gelitten, dass oft die Verbannung aus ihrem Bezirk drohte. Die Haut der resoluten Mittfünfzigerin ist wettergegerbt, tiefe Furchen durchziehen ihr Gesicht. Wann immer sie lächelt, greift sie zum Taschentuch und ist sichtlich bemüht, dem Gegenüber ihr peinliches Malheur zu ersparen. Nur zwei Vorderzähne sind ihr geblieben. Arztbesuche, sagt Norma beiläufig, seien für sie ein Leben lang zu teuer gewesen.

Geboren wird Norma Alvarez als eines von acht Kindern in der Hafenstadt Catbalogan auf der Visaya-Insel Samar im Osten des Landes - in einer der bis heute ärmsten Gegenden. Mit ihrer Schwester Myrna kommt sie als 16-jähriger Teenager nach Manila und verdingt sich als Haushaltshilfe bei einer chinesischen Familie, die am Roxas Boulevard, Manilas damaliger Pracht- und Flaneurmeile, wohnt.

Ein Quartier, das allein wegen seiner spektakulären Sonnenuntergänge als einer der schönsten Flecken Südostasiens gilt. Nach der erbärmlichen Kindheit auf Samar sei es für sie eine sorgenfreie Zeit gewesen damals am Roxas Boulevard, erzählt Norma. Sie habe genügend Pesos auf die hohe Kante gelegt, um der Familien in Catbalogan jeden Monat mindestens 15 Dollar, manchmal auch mehr, schicken zu können.

Sie verliebt sich in Tonio, der in North Pier, Manilas Nordhafen am Rand von Tondo, als Träger und Aufseher arbeitet. Als ihre chinesische Herrschaft sie daraufhin vor die Tür setzt, zieht Norma mit Tonio zusammen. Die beiden heiraten, sie ist 18, er 22, beide glauben an das große Glück und eine erträgliche Zukunft in Tondo und bekommen fünf Kinder, von denen zwei kurz nach der Geburt an Typhus sterben.

Damals, in den frühen siebziger Jahren, regiert der autoritäre Patriarch Ferdinand Marcos das philippinische Archipel und befördert die Präsidentengattin Imelda erst zur Siedlungsministerin, dann zur Generalgouverneurin von Manila. Die First Lady lässt sich nicht lange bitten und hat Visionen: Die Kapitale sollte zur "Mega-City mit menschlichem Antlitz" werden.

Sie versteht darunter die Aufschüttung der Manila-Bucht, den Bau von Fünf-Sterne-Hotels, des Folk Arts Theaters sowie des Philippine International Convention Centers. Was ihren Geschmack verletzt, lässt Imelda kurzerhand abreißen, beseitigen oder verbannen. So geraten auch die Armen von Tondo ins Visier - fliegende Händler werden mit Razzien gejagt und "Squatters" aus dem Viertel über Nacht vertrieben.

Norma erinnert sich, "es war 1976, als wir über Nacht obdachlos wurden. Bulldozer rückten an, ein Beamter schrie durch ein Megaphon, wir seien Illegale, der Boden gehöre der Regierung! Wir sollten verschwinden. Dann versprühten sie Tränengas und prügelten wie wild auf uns ein."https://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Philippinen/muell.html