Norma hält sich über Wasser
Eine wenigstens kleine Entschädigung für diesen erzwungenen Exodus werden Norma und Tonio, der wenige Monate später an Tuberkulose stirbt, nie erhalten, von einer Entschuldigung der Regierung ganz zu schweigen. In Norma reift der Entschluss, nicht alles ergeben und willfährig hinzunehmen. "Es war das Mindeste, was ich nach Tonios Tod tun musste, ich ging in eine der Selbsthilfegruppen. Das war einfach notwendig, wollte ich mit meinem Mann nicht auch jeden Lebensmut verlieren."
Mit ihrer Schwester Myrna und den Kindern kommt sie für einige Monate bei Freundinnen unter - acht Quadratmeter für fünf Personen. Nachts werden Matten auf den blanken Boden ausgelegt, auf denen man schläft. In der Monsunzeit ab Mai, wenn das Thermometer auf 35 Grad Celsius klettert und die extrem hohe Luftfeuchtigkeit das Atmen erschwert, wetteifern Gestank und Hitze um den Verstand der Menschen.
Elektrizität und fließendes Wasser gibt es nicht. Not macht erfinderisch, man zapft einfach die nächstbesten Wasserrohre an. Setzen die Monsunregen ein, verwandeln sich in Tondo ganze Häuserzeilen in wabernde Kloaken. Norma hält sich über Wasser, indem sie mit ihren Kindern Müll auf dem nahegelegenen Smokey Mountain, der Großmüllkippe Manilas, sammelt. Tag für Tag und Jahr für Jahr tragen sie Bleche, Papier, Plastik, Rohre oder alles sonst noch Verwertbare zum Zwischenhändler und sind glücklich, wenn der Tag 20 Peso (damals etwa 2,50 Dollar) bringt.
Bis zu 30.000 Menschen leben Anfang der achtziger Jahre in Manila vom Abfall und Dreck der Metropole. Einige bauen sich am Hang der Müllpyramide auf Stelzen ruhende Hütten, die sie mit Blumen und einem Jesusbild schmücken. Tondo expandiert und wird zu einem der weltweit am dichtesten besiedelten Elendsviertel - 1990 leben 65.000 Menschen auf einem Quadratkilometer und sterben wie die Fliegen an Tuberkulose, Typhus, Malaria und Durchfall.
"Der Smokey Mountain", erzählt Norma, "war mehr als 50 Meter hoch, so dass ihn viele das Wahrzeichen von 'Metro Manila' nannten. Für mich war die Plackerei auf der Halde irgendwann zuviel, so dass ich einige Zeit als Hand- und Fußpflegerin gearbeitet habe. Meine Kinder aber - die haben weiter Müll gesammelt."
Als 1995 Hundertschaften der Polizei den Smokey Mountain gewaltsam räumen, spielen sich unglaubliche Szenen ab. "Die Menschen wurden wie Ratten gejagt", erinnert sich Resty, der damals als Mitarbeiter der städtischen Armenfürsorge zu retten versucht, was nicht mehr zu retten ist. "Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie selbst auf Gebrechliche und Alte mit Latten und Hämmern eingeschlagen wurde.
Mein Gott, jede Katze und jeden Hund würde man besser behandeln. Und dazu kam dieses massenhafte Elend, als sie nicht mehr im Müll wühlen und davon leben konnten. Ich habe Leute gekannt, die haben damals monatelang nur von Reis, Salz, Maniok und Wasser gelebt, weil ihnen der Smokey Mountain versperrt blieb und sie nichts mehr verkaufen konnten." @ https://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Philippinen/muell.html
