Ein paar Quadratkilometer Unheimlichkeit
Manilas ältester Stadtteil war schon immer ein Treibhaus. Hier entstanden Ideen, begannen Revolten und Karrieren, hier wehrten sich die Menschen aus Verzweiflung und mit grossem Mut. Auch die Pläne, den Hafen von Manila zu privatisieren, stossen auf Widerstand.
Rainer Werning (Autor)
Mein alter Freund Resty geht auf die sechzig zu. Aber ein «proud Tondoboy», ein stolzer Tondo-Junge, sei er immer noch, sagt er. Tondo, das Quartier, in dem er aufwuchs, ist zwar für die meisten Filipinos der Inbegriff von Dreck, Müll, Kriminalität.
Aber immerhin, so erzählt Resty Concepcion (sein Name ist der Redaktion bekannt), seien in dieser Shantytown von Manila landesweit bekannte Persönlichkeiten zur Welt gekommen. Leute wie Andres Bonifacio und Emilio Jacinto zum Beispiel, die Ende des vorletzten Jahrhunderts gegen die Spanier kämpften (und dabei ums Leben kamen).
Herausragende Künstler und Schriftstellerinnen wie Bienvenido Santos oder der Poet Amado V. Hernandez, der sich während des Zweiten Weltkriegs der japanischen Besatzungsmacht widersetzt hatte. Auch die Könige des philippinischen Kinos haben hier gearbeitet - Exschauspieler und Expräsident Joseph Estrada zum Beispiel und sein mittlerweile verstorbener Kollege Fernando Poe.
Als tropische Robin-Hood-Figuren hatten sie sich in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihren Weg durch Tondos Gassen und Gossen freigeschossen und das Gute über alles Erniedrigende siegen lassen. Auf Zelluloid zumindest.
Resty Concepcion ist seit Mitte der sechziger Jahre politisch aktiv. Zuerst trat er der Ende 1964 gegründeten Kabataang Makabayan bei, der Patriotischen Jugend, aus der Jahre später die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei wurde. Dann wechselte er in die grosse Politik, war viel unterwegs - und doch stets auch in «seinem» Tondo anzutreffen, wann immer es galt, sich gegen Gewalt, Vertreibung und Heimtücke einzusetzen. Und das war oft der Fall.
Nach Tondo kommen kaum TouristInnen. Bis Mitte der neunzigerJahre waren hier lediglich Reisegruppen westlicher Hilfswerke anzutreffen, die den «Smokey Mountain», Südostasiens grösste Müllhalde, besuchten. «Exposures», Blossstellungen, nannte man die von philippinischen Freundinnen organisierten Tagestrips der anderen Art. Doch seit dieser Elendsflecken vor zwölf Jahren gewaltsam geräumt wurde, ist Tondo aus den Schlagzeilen der internationalen Medien verschwunden.
