Normas Geschichte

Aber das Elend gibt es noch - und auch die Menschen, zu denen mich Concepcion begleitet. Norma Alvarez ist eine von ihnen. Die resolute Mittfünfzigerin hat eine wettergegerbte Haut, tiefe Furchen durchziehen ihr Gesicht. Wann immer sie lächelt, greift sie zu einem Taschentuch; sie ist sichtlich bemüht, ihrem Gegenüber einen Anblick zu ersparen, der ihr peinlich ist: Sie hat nur noch zwei Vorderzähne. Arztbesuche, sagt Norma, habe sie sich in ihrem ganzen Leben nicht leisten können.

Geboren wurde sie als eines von acht Kindern in den Aussenbezirken der Hafenstadt Catbalogan auf der Insel Samar, rund 650 Kilometer südöstlich von Manila gelegen. Diese Insel gehört bis heute zu einer der ärmsten Provinzen des Landes. Miserabler sind die Verhältnisse nur noch im äussersten Süden des Landes - in einigen Teilen von Mindanao und auf den abgelegenen Inseln Basilan und Jolo.

Zusammen mit ihrer Schwester Myrna kam Norma als Teenager nach Manila. Als «catulongs», als Haushaltshilfen, fanden die beiden eine Anstellung bei chinesischstämmigen Familien in Malate, einem in den sechziger Jahren feinen Viertel entlang Manilas Prachtmeile.

Der Roxas-Boulevard galt seinerzeit - allein schon wegen der spektakulären Sonnenuntergänge - als eine der schönsten Strassen Südostasiens. Norma und Myrna lebten bei ihren Patrons, mussten sich um nichts sorgen und konnten sogar genügend Pesos an ihre Familie in Catbalogan überweisen - umgerechnet fünfzehn US-Dollar im Monat; das war damals viel Geld.

Doch dann verliebte sich Norma in Tonio, der im North Pier, dem Nordhafen von Manila, als Aufseher arbeitete und in Tondo wohnte. Der Familie, bei der sie arbeitete, passte die Beziehung nicht; sie setzte Norma über Nacht vor die Tür.

Und so zog sie nach Tondo zu Tonio, der mit Hilfe von Freunden in der Nähe des belebten Divisoria-Markts ein kleines Haus gebaut hatte: zwei Stockwerke auf einem knapp dreissig Quadratmeter kleinen Stück Land. Die Grundmauern bestanden aus Stein, der Aufbau aus Holz und Wellblech.https://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Philippinen/manila.html