Von der City of Man

Norma und Tonio - sie war 18, er 22 Jahre alt - heirateten, glaubten an das grosse Glück und bekamen fünf Kinder, von denen allerdings zwei als Kleinkinder an Typhus starben. Das war in den siebziger Jahren, in den Zeiten des Kriegsrechts, das der frühere Präsident Ferdinand Marcos 1972 über das Land verhängt hatte. Dessen Ehefrau und First Lady Imelda avancierte danach zur Siedlungsministerin und Generalgouverneurin der Haupstadt. Ihre Vision: ­Manila sollte zur «City of Man», zur Stadt mit menschlichem Antlitz, aufsteigen.

Fast schon manisch betrieb Imelda Marcos ein Stadtverschönerungsprojekt nach dem anderen: Landaufschüttungen in der Bucht von Manila, den Bau von Fünfsternehotels, eines Kulturzentrums, eines Volkskunsttheaters, eines internationalen Kongresszentrums. Was ihrem Gusto nicht entsprach, liess die Präsidentengattin beseitigen. Nicht die Abschaffung der Armut, sondern der Armen war ihr Ziel. Fliegende Händler­Innen wurden gejagt, «squatters», angebliche oder tatsächliche GrundbesetzerInnen, vertrieben.

Imeldas Politik traf auch Norma und Tonio. «1976 wurden wir über Nacht obdachlos», schildert Norma Alvarez die damaligen Ereignisse: Bulldozer rückten an, ein Beamter verkündete per Megafon in zwei Sätzen, dass der Boden der Regierung gehöre und dass alle sofort verschwinden müssten. «Dann versprühten sie Tränengas und prügelten wild und wahllos auf alle ein, die ihre Häuser nicht sofort verliessen.»

Eine Entschädigung für das Haus haben sie nie erhalten; Tonio starb wenige Monate später an Tuberkulose. Seit dieser Erfahrung engagiert sich Norma in Selbsthilfegruppen. «Da ist das Mindeste, was wir tun müssen», sagt sie. «Sonst verlieren wir mit unserer Würde auch das Leben. Die Alternativen dazu sind Feigheit, Kriminalität oder Drogensucht. Und all das führt schnell zum Tod.»https://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Philippinen/manila.html