Zur City of Manholes
Mit ihren drei Kindern und ihrer Schwester Myrna kam Norma bei Freundinnen unter. Die fünf Personen teilten sich einen zwei mal vier Meter grossen Raum, in dem sie nachts Matten auslegten. In Tondo klettert im Mai und Juni das Thermometer auf 36, 37 Grad Celsius, die hohe Luftfeuchtigkeit erschwert das Atmen, Gestank und Hitze wetteifern um den Verstand der Menschen.
Elektrizität und fliessendes Wasser gibt es nicht. Wasser holt man sich aus nahe gelegenen Pumpen. Oder man zapft - Not macht erfinderisch - das nächstbeste Wasserrohr an. Im Monsun verwandeln sich ganze Strassenzüge in Kloaken.
In jenen Tagen sammelte Norma mit ihren Kindern Müll auf dem nahe gelegenen Smokey Mountain - einem Areal, das die Stadtverwaltung 1954 zur Hauptabfallkippe von Manila erkoren hatte und das Jahr für Jahr immer mehr Menschen anzog.
Sie sammelten Blech, Papier und Plastik, verkauften das verwertbare Material an Schrotthändler und verdienten so zwanzig Pesos am Tag (nach damaligem Umtauschkurs etwa drei Franken). Bis zu 30 000 Menschen lebten davon.
Einige bauten sich auf der Müllhalde sogar Verhaue, die auf Stelzen standen und mit Blumen und einem Jesusbild geschmückt waren. Auf diese Weise wuchs Tondo bis in die neunziger Jahre zu einem dichtbesiedelten Stadtteil heran - mit rund 65 000 EinwohnerInnen pro Quadratkilometer und etwa 600 000 Menschen insgesamt.
Der Smokey Mountain wuchs und wuchs, bis er eine Höhe von vierzig Meter erreicht hatte. Nach ein paar Jahren stellte Norma ihre Arbeit auf dem Hügel ein. Sie schaffte die Plackerei nicht mehr und erwarb Kenntnisse in der Hand- und Fusspflege, mit denen sich ebenfalls Geld verdienen liess. Ihre Kinder aber mussten jeden Tag hinaus auf die Halde.
Mittlerweile lebt Norma Alvarez im Bezirk Barangay 123 bei Pier 12 am Nordhafen in Tondo. Auch ihre dritte Vertreibung hat sie inzwischen gut verkraftet. Denn nach der Kündigung als Hausangestellte, der Zerstörung ihres Hauses und dem Tod ihres Mannes war das Leiden noch nicht zu Ende: 1995 wurde der Smokey Mountain von staatlichen Sicherheitskräften gewaltsam geräumt.
Da spielten sich unglaubliche Szenen ab, erinnert sich Resty Concepcion, der damals eine Armeninitiative beriet: «Die Müllhaldensiedler wurden gejagt wie Ratten. Ich selber habe gesehen, wie selbst auf alte Leute mit Latten und Hämmern eingeschlagen wurde.» Und danach, ergänzt Norma, «wurde alles noch schlimmer: Viele lebten wochenlang ohne Obdach und nur von Reis, Salz, Maniok und Wasser.»
Ihnen blieb ja auch nichts anderes übrig, ergänzt Vilma, Normas Nachbarin: «In dieser beschissenen City of Manholes, in dieser Stadt der Schlaglöcher, kümmert sich kein Schwein um die Armen.» Viele der Mountain-BewohnerInnen liessen sich schliesslich in den nördlichen Stadtteilen Navotas und Caloocan City nieder, andere verschlug es in eines der rund 500 anderen Slums im Grossraum Manila.
Grosse Protestmärsche und Demonstrationen habe es damals gegeben, erzählt Concepcion. Doch Fidel Ramos, der Exgeneral und damalige Staatschef, blieb unerbittlich. Ramos, der in Zeiten der Marcos-Diktatur Polizeichef und stellvertretender Generalstabschef gewesen war, verstand sich als Modernisierer.
Er wollte die Philippinen auf die Höhe der südostasiatischen «Tigerstaaten» hieven, ausländische InvestorInnen gewinnen und mit der Privatisierung der Strom- und Wasserversorgung die dazu nötigen Ausgangsbedingungen schaffen. Mit diesen Zielen war eine Müllhalde inmitten der Hauptstadt schlecht vereinbar - egal, wie viele Menschen von ihr lebten.@ https://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Philippinen/manila.html
