Ursprung in Afghanistan
Die Abu-Sayyaf-Gruppe: Regionaler Widerstand mit weltweiten Verbindungen
Sie nennen sich »Vater des Scharfrichters« – Abu Sayyaf, verfügen über Kampferfahrungen in Afghanistan und sorgen seit gut eineinhalb Jahrzehnten für Unruhe auf den Philippinen. International bekannt wurden Mitglieder der Abu Sayyaf, als sie im Frühjahr 2000 von der ostmalaysischen Ferieninsel Sipadan mehrere westliche Touristen, darunter die Göttinger Familie Wallert, entführten und sie erst nach monatelangen Verhandlungen und hohen Lösegeldzahlungen auf freien Fuß setzten.
Roberto N. Aventajado, damals Manilas Chefunterhändler während des Geiseldramas auf Jolo, schrieb später in einem Buch, daß insgesamt elf Millionen US-Dollar Lösegelder gezahlt worden sei. Allein für die Freilassung der Deutschen Renate Wallert seien eine Million geflossen, während die restlichen zehn Millionen US-Dollar von der libyschen Regierung aufgebracht wurden, die diese Gelder allerdings als Entwicklungshilfe deklarierte.
Ende der 1980er Jahre hatte die damals größte politische Organisation des muslimischen Widerstandes, die Moro Nationale Befreiungsfront (MNLF), Friedensverhandlungen mit Präsidentin Corazon C. Aquino geführt, die Anfang 1986 den Diktator Ferdinand E. Marcos beerbt hatte. Die MNLF war seit Beginn der 1970er Jahren in einen blutigen Bürgerkrieg gegen die philippinischen Streitkräfte verwickelt, der etwa 150000 Tote forderte und auf dem Höhepunkt der Kampfhandlungen über eine halbe Million südphilippinische Muslime in den benachbarten ostmalaysischen Bundesstaat Sabah ins Exil trieb.
Enttäuscht über ein Arrangement mit der Regierung in Manila, rückten auf Basilan mit Wahab Akbar und Abdurajak Janjalani zwei Männer ins Rampenlicht, die einer von ihnen inspirierten Erneuerungsbewegung den Namen Al Harakatul Al Islamiya (Islamische Bewegung) gaben. Akbar, ausgebildet in Ägypten, schwebte wie Janjalani ein »reiner« islamischer Staat auf Basilan und später auf ganz Mindanao vor.
Bevor letzterer aus Afghanistan zurückkehrte und auf Basilan als islamistischer Führer großes Ansehen genoß, hatte sich Akbar dafür eingesetzt, den Koran in Arabisch zu lesen. Anstatt nach dem Islam- und Militärstudium in Saudi-Arabien und Libyen in seine Heimat aufzubrechen, kämpfte Janjalani in Afghanistan mit anderen Mudschahedin gegen die sowjetische Besatzung.
Dort diente er in einer Guerillaeinheit der Islamischen Union zur Befreiung Afghanistans unter dem Kommando des Hardliners und einstigen Theologieprofessors an der Kabuler Universität, Abd Al Rab Rasul Sayyaf. Als Geste der Ehrerbietung gegenüber seinem früheren Mentor entschloß sich Janjalani, der von ihm geführten Gruppe den Namen »Abu Sayyaf« zu geben.
Zur Führungsschicht der Abu-Sayyaf-Gruppe zählten in ihrer Entstehungsphase neben Janjalani und Akbar zwei jüngere Kader: Abdul Ashmad war für Aufklärung und Edwin Angeles für Operationen der Gruppe zuständig. Da sich die Abu Sayyaf zu diesem Zeitpunkt nicht als Untergrundorganisation verstand, war sie anfällig für das Einsickern von Elementen, die gänzlich andere Ziele als die ursprünglich formulierten verfolgten.
Laut Ashmad rückte sowohl die Beseitigung aller katholischen Symbole in den muslimischen Gemeinschaften in den Vordergrund. Zudem ging es auf einmal um die Einbeziehung von Geistlichen in politische Verhandlungen. Durchgesetzt werden sollte zudem ein Fischfangverbot für ausländische Flotten in den Gewässern von Basilan und Sulu. Angeles, zwischenzeitlich zum Islam konvertiert, stand gleichzeitig mit philippinischen Geheimdienststellen in Kontakt und befürwortete Kidnapping als Geldquelle.
Abdurajak Janjalani und Edwin Angeles wurden Ende 1998 beziehungsweise Anfang 1999 erschossen. Seitdem führte Janjalanis jüngerer Bruder Khadaffy die Abu Sayyaf, bis auch er im September 2006 während eines Gefechts mit Regierungssoldaten auf Jolo ums Leben kam. Zu seinem Nachfolger bestimmte die Abu Sayyaf Anfang Juni 2007 Yasser Igasan aus Jolo. @ https://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Philippinen/abusayyaf2.html
