Die Gewalt eskaliert
Doch es gibt in Manila und auf Mindanao gewichtige Akteure, die partout nicht reden wollen. Erst recht dann nicht, wenn sie befürchten, im Rahmen von Verhandlungen mit Moros auch nur einen Bruchteil ihrer Macht und Pfründe zu verlieren. Für sie ist der »Moro« das geblieben, was er für die spanischen Kolonial- herren (1521–1898) von Anbeginn war – ein Abschaum in Gestalt von Piraten, Banditen und unzivilisier- ten Stämmen.
Noch immer sitzen vor allem in der Bevölkerung im Norden und zentralen Teil der Philippinen die Ressen- timents gegenüber Moros dermaßen tief, daß solche Feindbilder bevorzugt bemüht werden, um von über- aus kontroversen innenpolitischen Themen – einschließlich Korruption und Vetternwirtschaft – abzulenk- en.
Von den größeren Städten auf Mindanao hat sich vor allem Zamboanga City, im Südwestzipfel der Insel gelegen, stets als Hochburg antimuslimischer Stimmungen hervorgetan. Zamboanga war stets eine Front- stadt christlicher Siedlerkolonialisten im Kampf gegen die Moros, die die Spanier nie in die Knie zwingen konnten.
Doch wo sie ein mächtiges Fort errichteten und wo als einzige Stadt in den Philippinen die spätere US Kolonialmacht eine Plaza eigens General John Joseph Pershing widmete. Wegen mehrerer von Pershing mitverantworteter Massaker in Mindanao und vor allem auf der weiter südlich gelegenen Insel Jolo gilt der General in diesem Teil des Archipels als »Schlächter der Moros«.
Sein Andenken ehrt mit Verve der in Zamboanga mächtige Lobregat-Clan, dessen Tentakeln in einfluß- reiche Kreise von Politik und Wirtschaft reichen. Kein Wunder, daß die konservativen Kräfte und extrem reaktionären Hardliner auf Mindanao im hiesigen Bürgermeister Celso Lobregat ihren ideellen Gesamt- fundamentalisten gefunden haben.
Offen ruft Lobregat mit Gleichgesinnten dazu auf, notfalls mit bereits bestehenden oder neuen bewaff- neten Bürgerwehren gegen eine wie auch immer geartete Bangsamoro-Selbstverwaltung vorzugehen.
Gleichzeitig haben der Inhalt des MoA-AD und dessen einstweilige Aussetzung durch den Obersten Gerichtshof jenen Kräften inner- wie außerhalb der MILF Oberwasser verschafft, denen langwierige Verhandlungen eh suspekt waren und die nunmehr bitter enttäuscht darüber sind, daß trotzdem keine greifbaren Ergebnisse vorliegen.
Es gibt Feldkommandeure der Bangsamoro Islamischen Streitkräfte (BIAF), des bewaffneten Arms der MILF, die lieber heute als morgen klare Resultate auf dem Schlachtfeld erzwingen würden. Mehr noch:
Viele Moro-Jugendliche sind in einem von Massenarmut und Perspektivlosigkeit gekennzeichneten Umfeld aufgewachsen, in dem sie von Kindesbeinen an nur mit Militarisierung, massiver Präsenz von Schußwaff- en und der Kultur von bewaffneten Familienfehden (rido) sozialisiert wurden.
Allein das Tragen eines Gewehrs gilt als notwendiger Bestandteil des Machismo und als Respekt einflöß- end. Wird sich für diese Generation absehbar nichts wesentlich ändern, rekrutiert sich aus ihr eine radi- kalisierte Gruppe neuer Moro-Kämpferinnen und -Kämpfer.
Bereits wenige Tage nach dem diplomatischen Debakel in Kuala Lumpur lieferten sich Verbände der BIAF und Einheiten der regulären philippinischen Streitkräfte (AFP) zunächst Scharmützel, dann offene Ge- fechte in den Provinzen Nordcotabato und Lanao del Norte.
Während in der Hauptstadt Manila die Nationalpolizei in höchste Alarmbereitschaft versetzt wurde, da man Anschläge der MILF gegen öffentliche Einrichtungen befürchtete, weiteten sich derweil die Kampf- handlungen auf Mindanaos Provinzen Lanao del Sur, Maguindanao, Shariff Kabunsua und Sarangani weiter aus.
Am 17. August erklärte der Sprecher des Nationalen Desaster-Koordinierungsrats der Philippinen, Antho- ny Golez, daß nach vorläufigen und unvollständigen Berichten aus den betroffenen Provinzen bislang neun Tote, 22 Verletzte und 165000 interne Flüchtlinge zu beklagen seien – Tendenz der Opferzahlen rasch steigend.
Am 21. August sprach das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen bereits von über 220000 Menschen, die angesichts der Kampfhandlungen in Mindanao auf der Flucht seien. Wenngleich die Sicherheitsvorkehrungen für das eigene Personal erhöht worden seien, erklärte Stephen Anderson, der Philippinen-Beauftragte und Repräsentant des WFP im Lande, sei seine Organisation imstande, die Opfer mit knapp 900 Tonnen Reis zu versorgen. Im übrigen hoffe er sehr, daß sich die Lage alsbald verbessere. @ https://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Philippinen/kriegswolken.html
