Interessant für US-Geostrategie
Schließlich verfolgen ausländische Mächte ihre eigenen Interessen auf der ressourcenreichen Insel Min- danao. Australien und Japan beispielsweise sind dort unter anderem stark im Bergbausektor und in Min- engesellschaften engagiert, während sich die USA – die bereits mit Spezialeinheiten im Rahmen der mit Manila orchestrierten »Terrorismusbekämpfung« präsent sind – politische und geostrategische Vorteile erhoffen.
Ihre Militärpräsenz vor Ort wäre ein geeignetes Sprungbrett nahe der Straße von Malakka (zwischen Ma- laysia, Singapur und Indonesien), der bedeutsamsten Seeroute in der Region, über die der Löwenanteil der Öl- und Gasversorgung aus dem Nahen und Mittleren Osten für die Boomökonomien Ost- und Süd- ostasiens erfolgt und durch die in umgekehrter Richtung der Löwenanteil der Exporte dieser Länder ab- gewickelt wird.
Für US-Militärstrategen und in US-amerikanischen Think-tanks wie der Asia Foundation in Washington stellten beispielsweise das Kapern und die anschließende Sprengung eines mit Öl- oder Flüßiggas be- ladenen Großtankers am engsten Punkt der Malakka-Straße eine wirtschaftliche sowie ökologische Ka- tastrophe größten Ausmaßes dar. Auf diese Weise bräche nicht nur der Regionalhandel zusammen; dies hätte unweigerlich auch weitreichende Konsequenzen für die Weltwirtschaft.
Kritiker aus linken Gruppierungen und Parteien haben wiederholt auf die US-Karte im Mindanao-Poker hingewiesen. Neben der Präsenz von GIs dort hat US-Botschafterin Kristie Kenney – ungewöhnlich für Diplomaten ihres Kalibers – gleich mehrfach die Region besucht und dabei auch mit dem MILF-Vorsitz- enden Al Haj Murad Ebrahim und anderen hochrangigen Kadern der Organisation konferiert.
Außerdem war das vom US-Kongreß finanzierte und US-außenpolitische Interessen verfolgende Friedens- institut (USIP) von 2003 bis 2007 überaus stark in der Region engagiert und führende USIP-Mitarbeiter über den Stand der Regierungsverhandlungen mit der MILF genauestens informiert. Kein Wunder, daß Frau Kenney ebenfalls am 5. August in Kuala Lumpur zugegen war, als das MoA-AD zeremoniell unter- zeichnet werden sollte.
Zwar erklärte Frau Kenney öffentlich, die USA verfolgten in Mindanao keine eigenen Interessen. Doch das würden ihr nicht einmal die Marines abnehmen. Beide Akteure – MILF wie USA – sind seit Jahren bemüht, die jeweils andere Seite zu instrumentalisieren und sehr wohl eigene Kalküle durchzusetzen.
Der MILF ging es zunächst darum, nicht auf die Liste der »ausländischen terroristischen Organisationen« des State Department gesetzt zu werden. Andererseits versuchte die MILF, mittels der mächtigen USA Druck auf Manila auszuüben, um ihre Ziele zu erreichen. Hauptanliegen Washingtons ist es indes, von einer friedensvertraglichen Regelung im Süden des Archipels zu profitieren.
Mindanao ist – wie schon ausgeführt – nicht nur eine an Ressourcen überaus reiche Region, sondern bietet aufgrund ihrer Lage dem US-Militär ideale Möglichkeiten, an der Südflanke ihres mittelfristig be- deutendsten strategischen Rivalen, der Volksrepublik China, Flagge zu zeigen und nahe der Straße von Malakka mit eigenen Truppenkontingenten präsent zu sein.
Im Zuge des »Kampfes gegen den Terror« ist bereits seit Anfang 2002 eine nicht genaue Zahl von GIs (schätzungsweise 1 200 Mann) in den Südphilippinen stationiert. Sollte es schließlich der MILF gelingen, eine Bangsamoro Republik zu gründen, so könnte deren souveräne Regierung auch über eine mögliche permanente Stationierung von US-Truppen auf ihrem Territorium verhandeln und dies erwägen – so- zusagen als Gegengewicht zu Manila und als eine Art Sicherheitsgarantie.
Ob ein solch riskantes Spiel mit dem Feuer erfolgversprechend wäre, muß bezweifelt werden. Auch in- nerhalb einer radikalen Moro-Jugend ist man nicht geneigt, ein US-imperiales Kalkül gegen ein Manila-imperiales Kalkül auszutauschen. @ https://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Philippinen/kriegswolken.html
