Plötzlich ein Terrorist

Am 14. Mai finden auf fast allen politischen Ebenen Wahlen statt. Währenddessen führt die Regierung von Präsidentin Gloria Arroyo einen gnadenlosen «Kampf gegen den kommunistischen Terror».

Rainer Werning (Autor)

Marie Hilao-Enriquez wird zum Energiebündel, wenn es darum geht, die Machenschaften der Mächtigen ihres Landes anzuprangern. Seit 1995 ist sie Generalsekretärin der philippinischen Menschenrechts- organisation Karapatan, doch bereits 1970 kämpfte sie gegen die Diktatur von Ferdinand Marcos, die bis 1986 dauerte. Und erst recht kämpft sie, seit im Januar 2001 Gloria Macapagal-Arroyo in den Präsidentenpalast von Manila eingezogen ist.

«Allein seit Arroyos Amtsantritt», sagt Hilao-Enriquez, «hat Karapatan 839 Fälle aussergerichtlicher Hinrichtungen dokumentiert.» Die Opfer waren allesamt Menschen, die sich für die Anliegen des Volkes eingesetzt hatten - BauernführerInnen, die für Land kämpften; Arbeiter- und GewerkschaftsführerInnen, die für angemessene Löhne und bessere Arbeitsbedingungen eintraten; engagierte Kirchenleute, Rechtsanwälte und Journalistinnen, «die einfachen Menschen Rechtsbeistand leisteten und sie gegen staatliche Willkür und militärische Übergriffe schützen wollten».

«Unter Marcos sass ich selbst zwei Jahre lang im Gefängnis», sagt Hilao-Enriquez. Sie war 22 Jahre alt, als sie 1974 verhaftet wurde, eine ihrer Schwestern wurde entführt, vergewaltigt, gefoltert und ermordet, zahlreiche ihrer FreundInnen verloren damals ihr Leben. «Die Verantwortlichen dieser Verbrechen wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Das darf nicht vergessen werden. Wenn wir den Kampf für Gerechtigkeit aufgeben, geben wir uns selbst auf», sagt Hilao-Enriquez.

Seit Marcos’ Sturz hat sie sich der Menschen- und Bürgerrechtsarbeit verschrieben. Einige Zeitungen bezeichneten Hilao-Enriquez als «Vorbild des Engagements für Menschenrechte». Mitte März, zur Eröffnung der zweiten Philippinen­Sitzung des Ständigen Tribunals der Völker in Den Haag (vgl. «Schuldige im Menschenrechtsrat»), ist sie aus Washington angereist. Dort war sie als Zeugin einer Anhörung im US-Senat über politische Morde in den Philippinen eingeladen. Auch in Den Haag trat Hilao-Enriquez als Zeugin der Anklage auf.