Claritas tote Söhne
Davon weiß Clarita Alia ein Lied zu singen, die in Bankerohan, dem größten öffentlichen Markt in Davao City, lebt und arbeitet. Ihr mageres Einkommen bezieht die schmächtige Mitfünfzigerin durch den Verkauf von Gemüse. 21. Juli 2001, 20. Oktober 2001, 3. November 2002, 13. April 2007 – das sind Daten, die unauslöschlich in Clarita Alias Herz und Hirn eingebrannt sind.
An jenen Tagen verlor sie hintereinander ihre vier Söhne Richard, Christopher, Bobby und Fernando. Alle wurden am hellichten Tag erstochen. Richard war 18 Jahre alt, als er sterben mußte, Christopher, Fernan- do und Bobby gerade mal 17, 15 und 14 Jahre.
Clarita erinnert sich an einen Vorfall, bevor ihr ältester Sohn Richard ermordet wurde: »Anfang Juli 2001 kamen Polizisten von der San-Pedro-Polizeistation zu uns, um ihn festzunehmen – angeblich wegen ver- suchter Vergewaltigung. Ich fragte die Polizisten nach einem Haftbefehl. Sie hätten keinen und bräuchten auch keinen, sagten sie. Ich protestierte lautstark.
Dann kam ein Wachtmeister auf mich zu, stellte sich als ranghoher Polizeioffizier vor und sagte mir: ›O.k, du willst mir also deinen Sohn nicht geben? Dann paß’ aber auf; deine Söhne werden getötet, einer nach dem anderen!‹ Ich war schockiert, weil meine anderen Söhne damals noch Kinder waren. Der Mann war sehr zornig, weil ich ihn nicht hereinließ«.
Bis heute laufen die Täter frei herum. Passanten hatten mitbekommen, wie ihre Söhne ermordet wurden. Doch wer, klagt Clarita Alia, will schon als Zeuge vor Gericht aussagen, wenn man weiß, daß die Hinter- männer Polizisten sind? Sie mußte viermal miterleben, wie Polizisten erst spät am Tatort auftauchten und sie dann mit der Frage löcherten, wer ihren Sohn umgebracht hat.
»Gerade das sollten Sie untersuchen und herausfinden!« hatte sie den Polizisten jedes Mal ins Gesicht geschrien. »Meine Söhne mögen Straftaten begangen haben«, schluchzt Clarita Alia, »doch warum wur- den sie einfach abgeschlachtet? Glauben die Leute, die so etwas tun, daß das Leben meiner Söhne nichts wert war? Geschah all das, nur weil wir arme Schlucker sind, die keinen fairen Gerichtsprozeß verdien- en?« @ https://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Philippinen/schwadronen.html
