Wenigstens ein Dreirad

In seinen gut fünfzig Lebensjahren hat Malik Alcantara zig Wahlen erlebt. PräsidentInnen kamen und gingen. An all die verschiedenen Senats- und KongresskandidatInnen in seinem Wahlkreis kann er sich ohnehin nicht mehr erinnern. Er weiss nur eins: Verbessert hat sich in seinem Leben wenig. Doch beklagen will er sich nicht.

Malik lebt mit seiner Frau und drei Kindern in einem aus Bambus gefertigten Pfahlbau in Takut-Takut, einem Armenviertel in der Nähe des Hafens von Jolo City auf der Insel Jolo, ganz im Südwesten des philippinischen Archipels. Mit Lächeln und einem kurzen Schulterzucken überspielt er die Verlegenheit, keine bessere Unterkunft vorzeigen zu können.

Während der Trockenzeit und bei Ebbe wird das Viertel zu einer übel riechenden Kloake. Abfälle landen schnurstracks im Meer, ebenso die Notdurft. Erleichterung verschaffen nur Regenzeit und Flut. Dann wird der Unrat weggespült.

Seinen Lebensunterhalt bestreitet Malik Alcantara als Lastenschlepper. Dafür hat er sich ein Tricycle gebastelt. Diese Dreiräder sind allgegenwärtig, erschwinglich und nützlich. An einem guten Tag kann er zwischen 80 und 100 Pesos verdienen, umgerechnet zirka 1,2 bis 1,5 Franken.

Seine Frau Edna verkauft Fisch auf dem nahe gelegenen Markt und steuert etwa 50 Pesos pro Tag bei. Das reicht vorne und hinten nicht, die Kinder können so keine weiterführende Schule besuchen. «Wenigstens sind wir gesund», sagt er, «und leben sicherer als früher.»

«Früher», das war vor dreissig Jahren. Im Frühjahr 1974 erreichte der Bürgerkrieg in den Südphilippinen seinen Höhepunkt. Die Luftwaffe bombardierte auch Jolo, um die damals für einen unabhängigen muslimischen Staat kämpfende Moro Nationale Befreiungsfront (MNLF) in die Knie zu zwingen. Geschäfte, Wohnhäuser gingen in Flammen auf, auch die Hauptmoschee von Jolo City wurde nicht verschont.

Zehntausende von Flüchtlingen setzten sich entweder gen Norden auf die Hauptinsel Mindanao ab oder wählten den entgegengesetzten Weg und suchten Schutz im malaysischen Bundesstaat Sabah auf der Insel Borneo.

Weit über 150 000 Menschen starben ab Beginn der siebziger Jahre auf Mindanao, Jolo und der noch südlicher gelegenen Inselgruppe Tawi-tawi. Wer überlebte, wie Malik Alcantara und die meisten seiner Angehörigen, war danach gefangen in einem Teufelskreis aus Armut und Katastrophen. Die letzte ereignete sich vor vier Jahren.

Die trübe Truppe der Abu Sayyaf («Vater des Scharfrichters») machte damals durch eine spektakuläre Geiselnahme westlicher TouristInnen auf sich aufmerksam. Von Ende April bis Mitte September 2000 dauerte der Verhandlungspoker, um die von der malaysischen Ferieninsel Sipadan Verschleppten wieder freizubekommen. Dabei floss reichlich Geld in die Taschen von RegionalpolitikerInnen und Krisenmanagern aus der fernen Hauptstadt Manila.

Briefumschläge, gespickt mit kleinen und grossen Scheinen, wurden an alle verteilt, die irgendwie ihre Finger im Spiel hatten; das Drama nahm ein Ende, doch zurück blieben die Militärs. Sie repräsentieren hier die Regierung. Für eine angemessene schulische und medizinische Versorgung der Bevölkerung fehlt hingegen das Geld. Auf Jolo und auf den angrenzenden Inseln der Sulusee sind zwei Kinderärzte für die Betreuung von über 850 000 Menschen zuständig. http://ag-friedensforschung.de/regionen/Philippinen/werning3.html