Zwischen Waffenstillstand, Bürgerkrieg und Friedensverhandlungen
Undurchsichtige Verhältnisse auf den Philippinen - Zwei Hintergrundberichte
Südphilippinen: Die regulierte Anarchie
Rainer Werning (Autor)
Durchs wilde Sulustan In dem Städtchen Lamitan auf der Insel Basilan in den südlichen Philippinen ist seit Pfingsten nichts mehr, wie es einst war: Die Abu-Sayyaf-Gruppe stürmte ein Krankenhaus, nahm Geiseln und ergriff mit ihnen die Flucht. Der Ort befindet sich seitdem faktisch im Belagerungszustand. Geschäfte sind zerstört.
Bei mehrfachen Schusswechseln zwischen regulären Einheiten der philippinischen Streitkräfte (AFP) und irregulären Verbänden der Abu-Sayyaf-Gruppe sind seit Juni jeden Tag Tote und Verletzte zu beklagen. Die Menschen sind aufgewühlt, das öffentliche Leben ist erschüttert. «Die Menschen hier sind wütend», sagt Lamitans Bürgermeister Inocente Ramos, «sie wollen endlich wissen, wie diese Leute dennoch entkommen konnten.»
Gemeint sind die Mitglieder der Abu-Sayyaf-Gruppe, denen es immer wieder glückt, die AFP trotz militärischer Grossaufgebote (bis zu 5000 Mann) zu foppen, «Sicherheitsgürtel» zu durchbrechen und sich samt gekidnappter Geiseln selbst aus kurzzeitig besetzten öffentlichen Gebäuden unbehelligt in den Busch zu schlagen. Eine gute Frage, auf die das Militär bislang keine Antwort hat - zumindest keine, die glaubwürdig erscheint.
Erst behauptete in der tausend Kilometer entfernten philippinischen Hauptstadt Manila der Sprecher der AFP, Brigadegeneral Edilberto Adan, die Sichtverhältnisse seien schlecht gewesen und die Kidnapper hätten Geiseln als lebende Schutzschilde genommen. Kurz darauf korrigierte sich der Offizier und erklärte, die Angehörigen der Abu Sayyaf könnten überall sein und genössen den Schutz von Dorfgemeinschaften. Letztere nannte Adan «terroristische Basen», die ausgeräuchert werden müssten.
Augenmass verloren
Am anderen Ende der Insel Basilan, in und um die Hauptstadt Isabela City, herrscht seit Freitag, dem 13. Juli, Ausnahmezustand. Die philippinische Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo hat höchstpersönlich zum letzten Gefecht gegen die Abu Sayyaf geblasen. Innerhalb eines Monats, so die Präsidentin, sei dieses trübe Kapitel ein für alle Mal erledigt.
Mit ihrer Politik knüpft Macapagal Arroyo nicht nur an die Politik ihres Vorgängers, des Mitte Januar aus dem Amt gejagten Joseph Estrada, an. Sie verliert überdies das Augenmass: Willkürliche Verhaftungen häufen sich, bei wahllosen Bombardierungen gerät vor allem die Zivilbevölkerung in die Schusslinie. Dazu kommt, dass die Abu Sayyaf mit lokalen und regionalen Politgrössen, Warlords und Militärs verfilzt ist.
Abdul Akbar (Name von der Redaktion geändert) stammt aus Lamitan und arbeitet seit langem für unterschiedliche nichtstaatliche Organisationen (NGOs) in der Region. «Die AFP sind entweder dumm oder clever genug, um sich für das Wegschauen angemessen bezahlen zu lassen», so seine Einschätzung.
Die Abu-Sayyaf-Bewegung ist auf dem von Massenarmut geprägten Basilan entstanden, und ihr Gründer Abdurajak Janjalani genoss bis zu seinem gewaltsamen Tod Ende der neunziger Jahre grosses Ansehen. Abu Sayyaf schlössen sich all jene an, die früher für Ideale wie Unabhängigkeit gekämpft hätten, dann aber von ihren eigenen Führern in Stich gelassen wurden und ein Engagement der Regierung höchstens militärisch erlebt hätten, sagt Abdul Akbar. Abu Sayyaf biete diesen Menschen Anerkennung, Geld und Würde.
Tatsächlich hat Abu Sayyaf in letzter Zeit mehrfach bewiesen, dass sie durch Kidnapping beträchtliche Summen kassieren kann. Die Bewegung wird seit dem Tod von Abdurajak Janjalani von dessen Bruder Khadafy angeführt. Ihr Fortbestehen garantieren unter anderem freundschaftliche, gar verwandtschaftliche Bande mit Mitgliedern der lokalen Sicherheitskräfte und politischen Gruppen. Und solange die Zentralregierung einzig auf die militärische Karte setzt, vertieft das die Kluft zwischen Zentrum und Peripherie.
Und doch scheint erneut ein Frieden in greifbarer Nähe. Am 22. Juni wurde die Wiederaufnahme von Friedensgesprächen zwischen Manila und der MILF in der libyschen Hauptstadt Tripolis schriftlich besiegelt - unter der Schirmherrschaft von Saif Al Islam Gaddafi, dem Sohn des libyschen Staatschefs. Diese Woche hat die philippinische Präsidentin im Rahmen ihres ersten Staatsbesuchs, der sie ins Nachbarland Malaysia führte, gar der Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens beigewohnt.
Für die Bevölkerung in Mindanao blieben aber auch im Falle eines Friedensschlusses dringende Probleme ungelöst. Allein in der Provinz Maguindanao in Zentralmindanao und drei Nachbarprovinzen sind bis heute noch immer eine Viertelmillion Menschen in notdürftig hergerichteten Behausungen untergebracht. In Zentralmindanao wurden auf dem Höhepunkt des Krieges im Sommer 2000 über 500 000 Personen, darunter etwa 60 Prozent Kinder, über Nacht zu internen Flüchtlingen. Solange deren Zukunft nicht gesichert ist, kann kaum von echtem Frieden in Mindanao gesprochen werden.
Neue Friedensgespräche auf den Philippinen
Die philippinische Regierung und die grösste muslimische Rebellenorganisation des Landes nehmen ihre Friedensgespräche im nächsten Monat wieder auf. Das wurde in Manila bekanntgegeben. Unklar war aber noch, wie der Streit über den seit sieben Jahren amtierenden malaysischen Vermitteler Othman Abdul Razak beigelegt wurde.
Die Regierung wollte ihn ersetzt sehen, die Rebellen der Islamischen Befreiungsfront Moro (MILF), die eine weitgehende Autonomie im Süden des Landes verlangen, wollen, dass er seine Arbeit fortsetzt. Der philippinische Unterhändler Marvic Leonen erklärte nach einem Treffen in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, er sei zuversichtlich, dass die Gespräche wie geplant am 9. und 10. Februar 2011 fortge- setzt würden.
