Babaylan Netzwerk Organisation

Das Netzwerk ist nach den Babaylan-Priesterinnen benannt, die während der spanischen Kolonialzeit auf den Philippinen heilige Riten durchführten und Führungsrollen in allen Aspekten des Gemeinschaftslebens einnahmen.

Gemeinsam mit der Bevölkerung setzten sie sich im 14. Jahrhundert für eine friedliche Gesellschaft und gegen die Einführung eines fremden Systems durch die spanische Kolonialmacht ein. Babaylan war die erste Initiative zur Gründung eines europaweiten Netzwerkes philippinischer Frauenorganisationen im Zeichen des weiblichen Empowerments und der Community-Arbeit.

Babaylan Europe entstand aus der Notwendigkeit, eine effektive und unterstützende Organisation für Philippininnen aufzubauen, die in Europa leben und arbeiten. Unser Netzwerk besteht aus philippinischen Frauenorganisationen in u.a. Österreich, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Griechenland, den Nieder- landen und Großbritannien.

Mit den Babaylan-Aktivitäten der vergangenen 14 Jahre haben wir erreicht, dass philippinische Migran- tinnen von Objekten zu Subjekten politischen Handelns wurden.

Babaylan geht davon aus, dass Migration durch eine Verkettung soziokultureller, ökonomischer und poli- tischer Faktoren bedingt ist, die Frauen auf den Philippinen in die Migration drängen und von Europa aus in die Migration ziehen.

Wir glauben auch, dass wir Filipinas als Migrantinnen in Europa mit denselben Problemen konfrontiert sind: die ungleiche und ungerechte Trennung zwischen Reich und Arm, die eingepflanzte westliche Kolo- nialkultur, das Versagen der philippinischen Regierung im Kampf gegen Armut sowie ihre Maßnahmen zur Verstärkung der Arbeitsmigration und der geringe Wert weiblicher Arbeitsleistung auf den Philippinen und in Europa.

Philippine Herstory

In den 1960er Jahren kamen die Ersten von uns nach Europa, als Ehefrauen von Europäern, als Flücht- linge, als Professionelle – aber die meisten von uns flüchteten vor den Härten einer kollabierenden Wirt- schaft.

Wir kamen, um als Krankenpflegerinnen, Köchinnen, Haushälterinnen, Kindermädchen oder in anderen privaten Bereichen zu arbeiten. Gezwungen, unser Land aufgrund einer von Rezession und politischer Instabilität gebeutelten Wirtschaft zu verlassen, kämpfen wir nicht nur gegen unseren eigenen unsicheren sozialen Status in der Migration, sondern auch, um die Armut unserer Familien auf den Philippinen zu mildern.

Wir sind überzeugt, dass wir uns durch all unsere Fähigkeiten, Ressourcen und Erfahrungen vollständig in unseren Aufnahmeländern integrieren und partizipieren können sowie den Weg in Richtung Empowerment für philippinische Migrationen ebnen. Unser Empowerment wird uns nicht von anderen auf einem silb- ernen Tablett serviert werden – wir sehen uns selbst als Agentinnen unserer eigenen Transformation.

Export von Arbeitsmigrantinnen

2004 lebten laut Schätzungen der philippinischen Regierung weltweit acht Millionen PhilippinInnen im Ausland – fast 10% der philippinischen Gesamtbevölkerung. Wahrscheinlich ist die tatsächliche Zahl aufgrund undokumentierter Migrantinnen, die ohne gültige Visa im Ausland leben, höher.

Die Philippinen sind der weltweit größte Exporteur von Arbeitsmigrantinnen, die Mehrzahl davon sind Frauen. 2005 erhielten die Philippinen der Weltbank zufolge Überweisungen im Wert von $12 Milliarden US-Dollar und rangierten damit weltweit auf Platz 4 hinter Indien, China und Mexiko.

Internationale Arbeitsmigration ist für die Philippinen und ihre koloniale Vergangenheit nichts Neues, doch am Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Arbeitsmigration vergeschlechtlicht, und die Diaspora wurde nicht nur das wichtigste Instrument, um die philippinische Wirtschaft über Wasser zu halten, sondern hat auch neue Bedingungen und Konflikte hervorgebracht, die heute die sozialen und kulturellen Identitäten auf den Philippinen beeinflussen.

Von den 3.000 PhilippinInnen, die täglich das Land verlassen, sind 65% Frauen, von den insgesamt 500.000 philippinischen Arbeitsmigrantinnen in Europa sind ca. 75% Frauen. Aufgrund der Tatsache, dass Philippininnen aus einem so genannten Entwicklungsland kommen, finden sie nur auf den untersten ge- sellschaftlichen Ebenen Arbeit.

Durch diese Arbeitsverhältnisse sind sie verschiedenen Formen der Ausbeutung ausgeliefert. Da sie hauptsächlich im privaten Dienstleistungsbereich Arbeit finden, wird ihre Beschäftigung generell als traditionelle Frauenarbeit stereotypisiert, als produktive Arbeit unterbewertet und unterbezahlt sowie von offiziellen Kontrollen nicht erfasst.

Folglich haben sie keinen Zugang zu Standardarbeitsbedingungen in Bezug auf Entlohnung, soziale Sicherheit und Sozialleistungen oder das Recht der Arbeiterinnen auf Organisierung und Mitgliedschaft bei Gewerkschaften. Die Minderung der Qualifikationen und die daraus resultierende De-Qualifizierung ist ein weiteres Problem, mit dem Migrantinnen im Bereich privater Reproduktionsarbeit konfrontiert sind.

Festung Europa

Die aktuelle Migrationspolitik in Europa lässt die Bandbreite von genderspezifischen Problemen, die Mi- grantinnen betreffen, wachsen – sie sind entweder an ihre Arbeitgeberinnen oder an ihre Lebenspartner „gebunden“.

2005 wurden strengere Voraussetzungen für die Zulassung und die Erneuerung von Aufenthaltsgenehmi- gungen in Kraft gesetzt. Folglich wurde die Abhängigkeit der Migrantinnen von ihren Partnern mit allen möglichen negativen Konsequenzen verlängert.

Wenn, aus welchem Grund auch immer, eine Philippinin entscheidet, sich von ihrem Ehemann oder Partner während der „Abhängigkeitsperiode“ zu trennen, ist sie automatisch von Abschiebung bedroht.

Viele, die in gewalttätigen Beziehungen gefangen waren, waren daher gezwungen, diese schreckliche Situation auszuhalten, bis sie Anspruch auf eine permanente Aufenthaltsgenehmigung erhielten, was zwischen drei und fünf Jahre dauern kann. Heute weisen die Statistiken einen Zuwachs an undokumen- tierten philippinischen Migrationen in Europa auf.

Als Nicht-EU-Bürgerinnen und Migrantinnen ohne Papiere sind sie praktisch unsichtbar und haben weder offiziellen oder legalen Anspruch auf SozialleistungenKrankenversicherungen, Leistner und sichere Un- terbringung noch die Bewegungsfreiheit zur Wahl eines Arbeitsverhältnisses.

Potenzial der Veränderung

In den Niederlanden ist die Philippinische Community nicht als ethnische Minderheit anerkannt. Das verwehrt uns den Zugang zu offizieller Förderung auf lokaler und nationaler Ebene. Dieser Mangel an struktureller Unterstützung schwächt die potenzielle Kapazität des Selbst-Empowerments der philip- pinischen Migrantinnen.

Ein anderes Problem ist, dass philippinische Migrationen eher als „Opfer“, denn als selbstbewusste, hart arbeitende Frauen wahrgenommen werden. Wir werden nicht als starke Frauen gesehen, die in der Lage sind, ihre eigenen Probleme zu lösen und Mittel und Wege zu finden, um uns selbst in der Gesellschaft Bedeutung zu verschaffen.

Mehr noch: Da unser Diplome nicht anerkannt und geringer bewertet werden, können wir nicht im vollem Ausmaß am Arbeitsmarkt partizipieren wie es unserer Ausbildung und Qualifikation entsprechen würde.

Außerdem werden unsere Rolle und unser Potenzial als Vertreterinnen der Veränderung und als vertrau- enswürdige Partnerinnen für Entwicklung weder seitens der Einwanderungsländer noch seitens der zivil- gesellschaftlichen Organisationen erkannt und geschätzt.

Diese Erfahrungen haben wir in unserer Vernetzungsarbeit mit Mainstream-Frauenorganisationen, Ge- werkschaften und politischen Parteien gemacht. Unsere Anliegen sind nur so lange relevant und nützlich, solange sie nicht mit deren eigenen Interessen und internen Themen in Konflikt geraten.

Unterstützungs- und Lobbyarbeit

Unsere eigenen Aktivitäten haben wir rund um folgende Interessen und Anliegen entwickelt und organi- siert: Gemeinschaft, Frauen, Arbeiterinnen, Jugend, Kinder, kulturelle, religiöse, kleine finanzielle und soziale Leistungen.

Wir betreiben internationale und nationale Netzwerkarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und Regierungseinrichtungen. Gleichzeitig betreiben wir Unterstützungs- und Lobbyarbeit in Bereichen, die uns als Migrantinnen und Werktätige betreffen (Gesetze, Regelungen).

Auch bei der philippinischen Regierung betreiben wir Lobbyarbeit, um unsere Rechte und Sozialleistungen als Übersee-Arbeiterinnen durchzusetzen. Das Babaylan-Netzwerk hat die Aufgabe, unsere Stimmen im Chor mit Millionen anderer Migrantinnen in Europa hörbar zu machen.

Nur indem wir uns selbst organisieren und kleine, aber bestimmte Schritte setzen, können wir diese lange Reise in Richtung Empowerment, Partizipation in der Gesellschaft und ihre Entwicklung in Gang setzen, die Früchte der Migration ernten und eine „andere Welt“ aufbauen, die uns allen gehört.

Malu Padilla war 1994-1998 Obfrau des Babaylan-Netzwerks und ist derzeit Teil des Babaylan-Beirats. Von 2000-2007 war sie Koordinatorin des Bayanihan Philippine Women's Centre in den Niederlanden. Padilla ist Vorstandsmitglied beim European Feminist Forum (EFF) und arbeitet derzeit für die Global Society Foundation in Utrecht. Link: http://www.babaylan-europe.org//