Ferdinand Blumentritt

Ferdinand Blumentritt (* 10. September 1853 in Prag; † 20. September 1913 in Leitmeritz (heute Litomeřice, Tschechische Republik) war ein südet- endeutscher Ethnograph, Lehrer und Gymnasialdirektor in Leitmeritz. Ferdin- and Blumentritt gehörte zu seinen Lebzeiten zu den besten Kennern der Phi- lippinen, obwohl er diese nie betrat.
Nach ihm ist eine Straße und eine U-Bahnstation in Manila benannt. Blumen- tritt war mit dem philippinischen Nationalhelden José Protasio Rizal befreundet. Köstlicher Bratenduft durchzog am 13. Mai 1887 um die Mittagszeit die Räume einer Amtswohnung in Leitmeritz, einer Kleinstadt nördlich von Prag.
Aber so appetitlich es auch roch, von böhmischer Küche konnte keine Rede sein. Gekocht wurde vielmehr an diesem und an den folgenden Tagen philip-
pinisch – zum Beispiel Schweinefleisch, Huhn und Fisch in Essig, Knoblauch und Fett. Oder man grillte ein mit Tamarindenblättern gefülltes Spanferkel (Lechon). Oder es gab Lumpia (Frühlingsrolle).

Allen schmeckte es,ganz besonders dem 26-jährigen José Prot(r)acio Rizal Mer- cado y Alonso Realondo. Der mehrfache Doktor – neben dem Studium der Me- dizin hatte er das der Philosophie und Literatur absolviert – war Gast bei dem Mittelschulprofessor Ferdinand Blumentritt und kam aus dem Staunen nicht her aus.
Er saß zwar in einem Haus in einer Stadt an der Elbe und konnte durchs Fenster auf die Leitmeritzer Realschule schauen, doch er fühlte sich wie daheim im Ar- chipel der 7000 Inseln. Noch mehr: José Rizal spürte, dass er am anderen Ende der Welt, in der Donaumonarchie, einen Bruder gefunden hatte. Er sagte das auch.
Ferdinand Blumentritt umarmte den Besucher spontan und besiegelte damit ei- ne innige Freundschaft, die auf Briefpapier begonnen hatte. Der 1853 geborene Österreicher hatte mit 24 Jahren an der Prager Universität das Studium der Geschichte und Geographie abgeschlossen, um in den Schuldienst zu treten.

Jede Minute seiner Freizeit sollte er freilich der wissenschaftlichen Be- schäftigung mit den Philippinen widmen; schon als Gymnasiast war er als "der Spanier" bezeichnet worden und hatte sich zum Lesen von Lit- eratur über Fernost selbst Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Franzö- sisch, Englisch und Holländisch beigebracht.
1879 publizierte er seine erste einschlägige Forschungsarbeit. In den Jahren danach avancierte er zu einer der größten Autoritäten für das Tagalische (Tagalog), den heute als Nationalsprache anerkannten phi- lippinischen Hauptdialekt. Dass José Rizal bei einem Europa-Aufenthalt
einige Zeilen an Blumentritt richtete, lag daher auf der Hand. Dass die beiden vom Naturell her grundver- schiedenen Männer einander beim Zusammentreffen sofort ins Herz schlossen, glich allerdings einem Wunder. Der kränkliche Blumentritt entsprach dem Typus des Theoretikers; er unternahm keine größeren Reisen und betrat nie den Boden der von ihm analysierten Inselwelt. Hingegen war für den quirligen und spontanen Rizal, der die halbe Welt befuhr, die Praxis – auch die politische Praxis – das ausschlaggeben- de Moment.

Beide lernten voneinander unendlich viel. Der österreichische Professor erfuhr von seinem philippinischen Wahlbruder in allen Details, welches Unterdrückungsregime Spanien in seiner fernöstlichen Besitzung eta- bliert hatte. Und der angesehene Fachmann aus Leitmeritz – kaiserlich-königlicher Regierungsrat, Ritter des königlich-spanischen Ordens Isa- bellas der Katholischen, Ehrenmitglied der Spanisch-Philippinischen Ge- sellschaft in Madrid etc. – verschloss nicht die Augen vor der bitteren Realität.
Intellektuelle Redlichkeit und menschliches Mitgefühl ließen Blumentritt bald mit Verve für die Freiheit der Inselbevölkerung eintreten. Er ging seinen Weg. Ebenso José Rizal, der schließlich sein Leben für die Sache, die er zu der seinen gemacht hatte, geben musste. Nachdem er durch aufrüttelnde Publikationen bekannt geworden und in Madrid die kritische Zeitschrift "Solidaridad" gegründet hatte, reagierte die spanische Regierung mit zunehmender Brutalität: 1892 nach der Rückkehr in die Heimat für Jahre deportiert, verhafteten ihn die Machthaber 1896 neuer- lich und ließen ihn erschießen.
Die Unabhängigkeitserklärung 1898 und den spanisch-amerikanischen Krieg erlebte er nicht mehr. Rizals Exekution erschütterte Blumentritt zutiefst, er verzagte aber nicht und wirkte weiter. 1901 erstellte er für die Universität Boston ein Gutachten zugunsten der Unabhängigkeit des inzwischen US-kontrollierten Archipels.
Er wäre um ein Haar offizieller Schiedsrichter im Streit zwischen Washington und Madrid geworden; die Wiener Regierung ließ dies nicht zu. Blumentritt widmete sich bis zu seinem Tod 1913 den Philippinen. Auch sammelte er jede jemals zum Thema veröffentlichte Zeile. Vielleicht wusste er sogar um einen bereits am 10. März 1837 in der "Wiener Zeitung" abgedruckten Artikel, der auf Luzon , der größten philippinischen Insel, aus Fasern der Ananas verfertigen Stoffen galt. Link: wienerzeitung
