Gemetzel im Jolo Dschungel - Teil 1

Romulo Dimayuga hat den Chef der Extremistentruppe Abu-Sayyaf ge- tötet. Einen Orden sollte der philippinische Elitesoldat dafür erhalten, doch dazu kam es nie - stattdessen wurden zehn seiner Kameraden von Militanten mit Kontakten zur Regierung gemeuchelt. Die Geschichte eines Anti-Terror-Kampfs.
Wer Romulo Dimayuga im Licht des Mondscheins auf der windschiefen Bambusterrasse der Marine-Kaserne von Jolo sieht, könnte ihn fast für den schüchternen Architekturstudenten halten, der er vor gar nicht langer
Zeit noch war. Der 26-Jährige ist nur 1,68 Meter groß und damit wahrhaft kein Riese in der Truppe von Elitekämpfern, er trägt ein blau-weißes Basketball-Trikot und blaue Sporthose dazu.
Dafür, dass er eine bis in die letzten Muskelfasern durchtrainierte Kampfmaschine ist, wirkt er fast ein bisschen mopsig mit seinen bubenhaften Pausbacken, die wenig Zeichen von Bartwuchs tragen. Aber das ändert nichts daran, dass er ein Held ist, wenn auch ein etwas tragischer.
Diesen Ruf hat sich Leutnant Romulo Dimayuga am Morgen des 4. September 2006 erworben. Nur Tage zuvor hatte die Armee des südostasiatischen Landes mit der Operation "Springflut" eine neue Offensive im Kampf gegen den islamischen Terror gestartet.
Diese war vor allem gegen die Gruppe Abu Sayyaf ("Vater des Schwertes") gerichtet, jenen Haufen von ruchlosen Gangstern und brutalen Islamisten, die im Frühling 2000 auch die Touristengruppe um das Göttinger Lehrerehepaar Wallert verschleppt hatten. Damals wie heute, hält sich die Abu Sayyaf in den undurchdringlichen Dschungelwäldern der südphilippinischen Inseln Basilan und Jolo versteckt.
Die einstigen Pirateninseln sind die mit Abstand gefährlichste Region Südostasiens. Weil es fast täglich zu Zwischenfällen kommt, sind auf Jolo auch etwa 70 amerikanische GIs stationiert, die aber nur technische Hilfe leisten und nicht direkt in die Kämpfe eingreifen.
Im Dschungellager am Lubahügel

Im September 2006 hatten Späher der philippinischen Armee bericht- et, dass Khadaffy Janjalani in dieser Nacht auf dem Luba-Hügel ein- treffen werde. Das war in zweierlei Hinsicht besorgniserregend.
Denn Janjalani galt damals nicht nur als gefährlicher Chefideologe der auf gut 2000 Kämpfer geschätzten Islamisten-Bande. Er war bei Osama Bin Ladens al-Qaida in Afghanistan ausgebildet worden und trug die Verantwortung für zahlreiche Entführungen und Bombenan- schläge.
Zudem stelle er das Bindeglied zur weitaus größeren Moro Islamic Liberation Front (MILF) her, die seit 40 Jahren im Süden der Philippinen einen blutigen Sezessionskrieg gegen die Regierung in Manila führt. Und der Lubahügel liegt nur sechs Kilometer außerhalb der Inselhauptstadt Jolo-Stadt, wo 80.000 Menschen in der Angst vor täglichen Anschlägen leben.
Es herrschte "zero visibilty" ("Null Sicht"), sagt Dimayuga, als er mit seinen 26 Nahkämpfern der Sonder- einheit "Recon" ("Aufklärer") lange nach Sonnenuntergang in den Dschungel trat.
Die Gruppe hatten nur drei Nachtsichtgeräte dabei, über mehr verfügt die Einheit nicht. Wie immer behalfen sich die Soldaten damit, dass sie ihrem Vordermann die Hand auf die Schulter legen, um nicht verloren zu gehen. Drei Kilometer hatten sie sich so einen steilen Hang hochgearbeitet, da kam der Gänsemarsch abrupt zum stehen.
Er zielt auf Khadaffy Janjalani

Dimayugas "Frontmann" stand vor einer Hängematte. Nur vier Meter entfernt schlief da ein Mensch. Jetzt war klar, dass sie mitten im Lager der Abu Sayyaf standen. Ein Feuergefecht gegen geschätzte 50 Geg- ner hätten sie ohne ausreichende Sicht hier nicht überlebt. Der Leut- nant befahl seinem Trupp deshalb, sich 30 Meter zurückzuziehen.
Die Uhr zeigte, "zero one hundred", wie 1 Uhr nachts im Soldatenjar- gon heißt. Sie warteten auf den Morgen. Als die ersten Sonnenstrahlen den Dschungel durchfluteten, erhob sich plötzlich im Lager der Terro- risten ein Mann und rief mit lauter, eindringlicher Stimme seine Kum-
pane zum Morgengebet auf. "Das muss Janjalani sein", schoss es Dimayuga durch den Kopf. Mit seinem M-14 Sturmgewehr zielte auf dessen Brustkorb und drückte ab. Als der Mann zusammenbrach, warfen die Marines sämtliche der zehn Handgranaten, die sie mit sich trugen, in den Unterschlupf der Terroristen. Es war 5 Uhr.
Der Überraschungsschlag war zwar gelungen, aber bei dem anschließenden Feuergefecht mussten die Recons feststellen, dass sie hoffnungslos unterlegen waren. Denn von den umliegenden Hängen strömten jetzt immer mehr Islamisten auf das Dschungelschlachtfeld.
Innerhalb weniger Minuten starben sechs der Soldaten. Noch wäre ein Rückzug möglich gewesen, aber dafür hätten sie die Leichname ihrer Kameraden zurücklassen müssen. "Die Abu Sayyaf hätte ihnen Köpfe und Genitalien abgeschnitten", sagt der Leutnant. "Das wollte ich nicht zulassen." Also befahl er weiter- zukämpfen.
