Kompositionen - Rhythmische Vorgaben

Die Kulintangmusik besitzt aufgrund ihrer Konzeption, die auf einer betonen- den Spielweise basiert, keine festen Kompositionen.
Der rhythmische Modus oder Ausdruck oder das rhythmische Schema wird als eine musikalische Einheit definiert, die alle fünf Instrumente der Gruppe miteinander verbindet.
Durch die Zusammenführung der unterschiedlichen Rhythmen der einzelnen Instrumente, bestimmt ein Instrument die Musik, wobei bei einem Wechsel des Rhythmus ein anderes Instrument in den Vordergrund rückt und sich dadurch die Musik verändert.
Dies ist für eine solche rhythmische Spielweise eine grundlegende Konzeption.
Improvisation
Für einen Kulintangspieler ist die Fähigkeit zur Improvisation von entscheidender Bedeutung. Diese hat allerdings innerhalb den Vorgaben einer bestimmten rhythmischen Tonart zu erfolgen. Wie bei den Game- lan-Orchestern hat jede Kulintangspielart so etwas wie ein Thema, das von dem Kulintangspieler durch variable Ausschmückung, Beeinflussung bestimmter Elemente und durch den Einsatz von Wiederholung- en, streckenden Elementen, Einfügungen, Pausen, Variationen umkleidet wird.
Dabei ist das spezifische Taktgefühl des Spielers von großer Bedeutung. Der Kulintangspieler fungiert hierbei nicht alleine als Träger der Melodie, vielmehr bildet er die Führung für die gesamte musikalische Gruppe. Die Spieler bestimmen die Länge jeder Interpretation, können jederzeit über einen Wechsel des Rhythmus entscheiden, die Spielgeschwindigkeit erhöhen oder verlangsamen und dies entsprechend ihr- em eigenen Geschmack bzw. der Komposition, die sie spielen.

Die Gewichtung auf die Improvisation kann, aufgrund der traditionellen Rolle, die die Musik besitzt, wie auch aufgrund der unterhaltenden Rolle, die sie für die gesamte Gemeinschaft darstellt,als essentiell angesehen werden. Die Zuhörer erwarten von den Spielern überrascht und in Er- staunen versetzt zu werden, indem diese ihre Darbietung in einem eig- enen unverwechselbaren Stil vortragen und sie durch die Einbeziehung von improvisierten Elementen eine neue, eigenständige Version des Stückes kreieren.
Würde der Spieler lediglich einen vorangegangenen Akteur imitieren und die Partitur ohne jegliche impro- visierenden Anteile umsetzen, so würden die Zuhörer die Darbietung als nachgeahmt und banal empfind- en. Dies erklärt ebenso, weshalb sich Stücke für musikalische Produktionen in mancher Hinsicht unter- scheiden; da die jungen Männer und Frauen die Stücke einüben und einstudieren, bleibt hierbei kaum Platz für eine Improvisation.
Kompositionen der Maguindanao und Maranao
Da das Zulassen einer solch großen Variation an Rhythmen fast zwangsläufig zu einer unzählbaren Anzahl an Einordnungsmöglichkeiten führen müsste, ist es dennoch möglich, auf Basis von verschiedenen Kriter- ien grundsätzliche Kategorisierungen durchzuführen. Hierbei können zum Beispiel die Anzahl der Schläge in einer wiederkehrenden musikalischen Phrase als Unterscheidungsgrundlage herangezogen werden oder aber man unterscheidet Differenzen in den melodischen und rhythmischen Gruppen innerhalb der musik- alischen Phrasen. Auch lassen sich jeweils die Absätze in der rhythmischen Betonung und Abweichungen in der Eröffnungsform und den Kadenzmustern unterscheiden. Für die Maguindanaos sind drei bis fünf typische Genres festgelegt: Duyug, Sinulog, Tidtu, Binalig und Tagonggo. Die Marano besitzen auf der anderen Seite nur drei typische Gattungen :

Kapromayas/Romayasv, Kapagonor/Onor und Katitik Pandai/Kapaginandang. Diese allgemein einteilbaren Gattungen lassen sich untereinander weiter in Stilrichtungen, Unterkategorien und Stilwandlungen gliedern, welche wiederum voneinander unterschieden werden durch die Instrumentation, die Spieltechnik, die Veranstaltung und das durchschnittliche Alter und Geschlecht der Musiker. Grundsätzlich differenziert man diese Stile in das was gemeinhin als traditionell oder alt angesehen wird und das, was mehr eine zeitgenössische oder neuere Natur besitzt.
Alte Stile lassen sich durch die Attribute langsam, betonend und würdevoll beschreiben, wie es bei Stil- arten wie dem Kamamatuan der Maguindanao’s und dem Andung der Maranao der Fall ist. Die unter dies- es Genre fallenden Stile zeichnen sich durch ein moderates Tempo aus, sind rhythmisch orientiert, ausge- wogen und lassen Improvisationselemente zumeist vermissen. Zudem werden sie üblicherweise von ält- eren Leuten gespielt, wobei diese Stücke immer zu Beginn dargeboten werden, da auf diese Weise der älteren Generationen Respekt geschuldet wird.
Die neuen Stilarten, wie das Kagungudan der Maguindanao und das Bago der Maranao sind dagegen schneller, rhythmischer und mehr ausgefallen gehalten. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Stücke, die diesem Genre zuzuordnen sind, ein schnelleres Tempo besitzen und in ihrer Betonung auf kraftvolle und geschwindigkeitsreiche Elemente Wert legen. Sie werden von einer höherer und pulsierender Rhythmik bestimmt, ihnen ist eine stärke Improvisation eigen, bei der die Musiker verschiedene rhythmische und melodische Ausdrücke einarbeiten und bei denen keinerlei ältere Muster verwendet werden. ”Junge” Musi- ker, speziell junge Männer, neigen eher zu diesem Stil, wegen dessen Betonung auf Virtuosität und der ihm eigenen Individualität.
In der Regel werden Kamamatuan-Stücke gespielt, um jüngere Musiker an der Veranstaltung teilhaben zu lassen. Tagunggo ist dagegen eine Spielart,die keinem dieser beiden erstgenannten Stile zugeordnet wer- den kann, da sie einen mehr rituellen, denn unterhaltenden Charakter besitzt. Tagunggo wird vorzugs- weise angewandt, um Trancezustände und rituelle Tänze zu begleiten, wie das Sagayan. Während dem Spiel tanzt ein Ritusmeister zum Rhythmus dieser Musik und ersucht dadurch um die Hilfe eines Ahnen- geistes (Tunong).
Suluspezifische Kulintangan-Kompositionen

Sulu-typische Kompositionen für das Kulintang finden sich unter den Tausūg, den Samal, den Yakan, den Sama/Badjao und den Kadazan-Dusan.
Obgleich keine zuordenbaren rhythmischen oder melodischen bzw. wie bei den Maguindanao mit eigenständigen Namen versehene Unterschiede zwischen den Mustern existieren, besitzt dennoch jede Gruppe ihre eigenen Musikkompositionen.
So verfügen die Tausūg zum Beispiel über drei zuordenbare Kompositionen — Kuriri, Sinug und Lubaklubak — die Yakan haben zwei — Tini-id und Kuriri — und die Dusan besitzen wiederum ebenso drei — Ayas, Kudidi und Tidung.
Obwohl diese Melodien gerade innerhalb der Gruppen wie bei den Maguin- danao und den Maranao variieren, werden sie von einem zentralen Thema bestimmt, dass den Sulu-Typus durch den Austausch von kurzen melodisch- en Sätzen zwischen dem Kulintang und dem Agung charakterisiert.
Dabei imitieren und duplizieren beide Instrumente den Rhythmus des anderen sehr schnell. Dies ist deut- lich bei den Tausūg in deren Sinug- und bei den Yakan in deren Tini-id- und Kuriri-Kompositionen zu er- kennen, wo diese Art des Zweikampfes zu einem Spiel der Fertigkeiten und der Virtuosität erwächst.
Kompositionen
Das Kulintang-Repertoire besitzt keine festen Kompositionen, da die Musik selbst nicht als eine fixe Ein- heit betrachtet werden kann. So wird sie durch Mündliche Überlieferung weitergegeben, wobei das Reper- toire selbst immer in einem Zustand des Flusses ist, was zwei maßgebende Gründe hat. Zuerst wird einer Standardisierung einer Komposition keinerlei Vorrang zugestanden.Obgleich die Musiker selbst es erreich- en, die Melodien gleichartig klingen zu lassen, können feste Kompositionen, die einem bestimmten rhyth- mischen Stil angehören, von Familie zu Familie bereits innerhalb des gleichen Ortes variieren. Für einen Musiker liegt der Schwerpunkt auf der Begeisterung und dem Vergnügen die Musik zu spielen, ohne auf den Komposition eines Stückes achten zu müssen.

Da die Akteure ihre Stücke normalerweise improvisierend darbieten, sind bestimmte Stile immerzu Überarbeitungen und Änderungen un- terlegen, die einer neuen Generation von Musikern übergeben wer- den. Dadurch wären feste Kompositionen nur an einem kurzen Zeit- rahmen gebunden. Diese Bedingungen machen jedoch den Versuch einer Einordnung der Kompositionen in eine einheitliche Gattung praktisch unmöglich. Ein Beispiel hierzu findet man unter den Magu- indanao, wo das Wort Binalig von zeitgenössischen Musikern als eine Bezeichnung für eine rhythmische Spielart verwendet wird,
die dem Kangungudan zugehörig ist, aber auch ein Begriff darstellt, der für eine gänzlich neue Stilart verwendet wird. Ein anderes Beispiel betrifft die Diskrepanz zwischen “alten“ und “neuen“ Genres. Während sich neue Stücke bis heute kontinuierlich verbreiten, werden Stücke, die gerade einige Jahrzehnte zurück kreiert wurden, bereits als alt angesehen, obwohl dieser Begriff sich eigentlich auf traditionelle Stücke bezieht, die seit vielen Jahrhunderten bestehen. Diese Unterschiede machen dieses Repertoire diskussionswürdig und die Spielarten und Stile, die ihnen angehören, führen leicht zu Ver- wechselungen. Link: lexikon.freenet
