Marlene Garcia-Esperat - Antikorruptionsaktivistin

Es war schwer, Marlene Garcia- Esperat ernst zu nehmen. Jedes Mal, wenn sie in unser Büro kam, um über noch einen neuen korrupten Vertrag der Regierung zu berichten,trug sie Miniröcke,hochhackige Stil- ettos und eng anliegende und tiefgeschnittene Kleider, deren Nackenlinie eher enthüllte als bedeckte. Je- der ihrer Besuche war ein Schock für den Schneidermuskel. Man könnte sagen, dass sie eine farbenfrohe Person war — bei jedem Besuch hatte ihr Haar eine andere Farbe und ihr Lidschatten war vom Regenbo- gen inspiriert. Einmal kam sie sogar in Netzstrümpfen.

Glitzerpuder

Marlene Garcia-Esperat - Antikorruptionsaktivistin

Wir nannten sie gerne »Erin Brockovich«, in Anlehnung an die unermüdliche, stürmische und sexy Filmheldin, die ein gigantisches öffentliches Dienstleist- ungsunternehmen für seine Missetaten bezahlen lies. Obwohl Marlene nicht wie Julia Roberts aussieht, hatte sie die Einstellung und die furchtlose und direkte Art der Filmheldin. Einmal stand sie auf unserer Türschwelle mit Glit- zerpuder über den Augen:

»Ich möchte schön sein, wenn die Auftragsmörder kommen«, sagte sie. Am Gründonnerstag kamen sie. Marlene wurde vor den Augen ihrer Kinder kaltblütig mit einer einzigen Kugel erschossen. Der Schütze spazierte wie zufällig in das Wohnzimmer ihres Hauses in Tacurong, Sultan Kudarat. Marlene Garcia-Esperat war seit Jahren die örtliche Whistleb- lower (jemand, korrupte Machenschaften ans Licht bringt) am Minist-

erium für Landwirtschaft, welches sie für eine der korruptesten Regierungsorganisationen hielt. 

Das Ministerium hat eines der größten Budgets, doch Marlene sagte, dass Unterschlagung in den dezen- tralisierten Projekte schwer zu entdecken sei. Marlene war entschlossen und unermüdlich. Sie wurde von einer gerechten Wut getrieben - sie hatte gesehen, wie Geld, das sonst für die Verbesserung der Lebens- umstände von vielen Bauern eingesetzt worden wäre, statt dessen von Bürokraten und Politikern abge- schöpft wurde.

Sie fand Beweise dafür, dass die Regierung Millionen Pesos in ein virtuelles Irrigationsprojekt in Cota- bato schüttet. Sie fand ebenso Dokumente, die beweisen, dass ein Büro des Ministeriums Angebote ge- fälscht hatte, um überteuerte Rennboote zu kaufen.

In den letzten 10 Jahren hat Marlene Dutzende von Korruptionsfällen aufgedeckt, vom Schmuggel land- wirtschaftlicher Erzeugnisse über die Überteuerung von landwirtschaftlichen Zusatzstoffen bis hin zur Weiterleitung von Geldern, die eigentlich für die Landwirte bestimmt waren, in private Taschen oder für politische Zwecke. Letztes Jahr verklagte sie Funktionäre des Landwirtschaftsministeriums.

Angefangen mit Staatssekretär Arthur Yap und der Unterstaatssekretärin Jocelyn Bonante, einer engen Vertrauten des First Gentleman Mike Arroyo, denen sie vorwarf, dass das Ministerium überteuere Dünge- mittel gekauft habe und dass die Gelder für die Wahlkampagne im Jahre 2004 genutzt worden wären. Außerdem warf sie dem Abgeordneten Prospero Pichay aus Surigao del Sur vor, an dem Schmuggel von Hühnern beteiligt gewesen zu sein.

Marlene wusste, dass sie mächtigen Menschen auf die Füße trat, aber sie erzählte uns oft, dass sie die Unterstützung von gutgesinnten und ehrlichen Mitarbeitern habe, die im Ministerium aufräumen wollen. Sie wusste ebenso, dass das Zutagefördern korrupter Machenschaften in diesem Land ein undankbarer und gefährlicher Beruf ist und es war ihr ebenso klar, dass Mörder ihre Spur aufgenommen hatten.

Faule Eier

»Und so belohnen wir hier Whistleblower?«, fragte Marlene 2001 in einem unserer Gespräche. »Es wäre beruhigend, wenn die Fälle wenigstens vor Gericht voran gingen und die Angeklagten ins Gefängnis kom- men. Meistens ist das jedoch Wunschdenken. Ich weiß , das einige korrupten Regionaldirektoren, die von der neuen Administration wiederernannt wurden, eine lange Liste von Korruptionsklagen gegen sich ha- ben. Es scheint mir keine große Arbeit zu sein, die Arbeit dieser Beamten zu überwachen und diese faulen Eier aus der Bürokratie zu werfen.«

Marlene war eine ungewöhnliche Kandidatin für einen Ein-Frauen- Kreuzzug mit dem Landwirtschafts- ministerium aufzuräumen. Sie war schließlich Chemikerin, und wenn sie nicht über die Machenschaften des Ministeriums sprach, hielt sie Vorlesungen wie gesund bestimmte Kräuter seien oder sie sprach fas- ziniert über neue Technologien in der Gerichtsmedizin.

Tatsächlich war sie eine Wissenschaftlerin, und daher griff sie die Korruption auch wissenschaftlich an, indem sie minutiös Dokumente sammelte und Leute identifizierte, die ihr Informationen aus erster Hand über bestimmte ihrer Theorien bereitstellen könnten. Sie hatte eine Liste von Quellen und hätte sie aus- wendig aufsagen könnten, hätte sie gewollt. So wie Erin Brockovich lernte sie die Telefonnummern von möglichen Informanten auswendig und gab sie dann an Reporter zu deren Recherche.

Der Anfang

Marlenes Kreuzzug begann Anfang der 90er, als sie Leiterin des Chemical Analysis Laboratory des Land- wirtschaftsministeriums, das damals in Maguindanao in Region 12 war. Damals beklagte sie den schlech- ten Zustand des Labors und den Mangel an Geräten und Anlagen. Doch bis sie eine nationale Konferenz besuchte und andere Chemiker des Ministeriums traf, wusste sie nicht, dass ihrem Labor eigentlich mehr Geld zustand.

Somit suchte sie die Regional Field Unit 12 heim, um Gelder für die benötigten Geräte und ein weiteres Gebäude für das Labor zu bekommen. Während sie ihre Anfrage verfolgte, sah sie zufällig in den Jahres- bericht der Regional Field Unit für 1991-1992, welcher besagte, dass ihrem Labor 400.000 Pesos zuge- kommen seien. »Ich habe jedoch nur 175.000 Pesos bekommen«, sagte sie. »Damals bin ich miss- trauisch geworden.« Marlene berichtete den Vorfall Staatssekretär Salvador Escudero, der eine Unter- suchung ansetzte. 

Während dieser Untersuchung brach in dem Büro des Ministeriums in Cotabato City ein Feuer aus. Da letzterer Vorfall nur Tage vor der Präsidentschaftswahl 1992 stattfand, wurde das Feuer einfach als ein weiterer die Wahl betreffender Umstand abgetan.

Ein Jahr nach dem Feuer schworen jedoch zwei Mitarbeiter des Regional Field Office schriftlich, dass Os- mena Montaner, ein Mitarbeiter der Finanzabteilung, und seine Freunde das Feuer gelegt hatten, um Be- weise für ihre Machenschaften zu zerstören. Die Klage führte dazu, dass Marlene von höheren Beamten des Ministeriums in ein Zeugenschutzprogramm gestellt wurde.

Während andere Zeugen hinter Schloss und Riegel kamen, durfte Marlene arbeiten und wurde als Akti- vistin vom Ombudsmann des Ministeriums in Quezon City voll eingespannt. Der Vorfall riss sie für zwei Jahre aus ihrer Familie, aber brachte sie in Kontakt mit vielen weiteren Korruptionsfällen innerhalb des Ministeriums. 

Sie untersuchte ebenso die Komplizenschaft im Hühnerschmuggel von Funktionären des Landwirtschafts- ministeriums. Sie verklagte den Unterstaatssekretär Cesar Drilon und andere, da diese einer Firma, die nicht die notwendigen Papiere besaß, die Einfuhr von Hühnerbeinen erlaubt hatten. Diese Firma, CSP International Commodities Inc, ist unter anderen im Besitz von Mr Pichay, der ebenso von der Anklage betroffen war, besessen. Einige Tage vor ihrem Tode kontaktierte Marlene die Journalistin Carol Arguillas aus Mindanao, um sie über den Verkauf von Audit Zertifikaten in Cotabato zu informieren. Ein Treffen fand jedoch niemals statt. Es war typisch für Marlene ihre Nase überall hinein zu stecken, wo sie Ver- brechen witterte.

Lebenslauf

Marlene verließ das Landwirtschaftsministerium letztes Jahr und lebte von dem Verkauf von Tupperware und einem kleinen Sari-Sari Laden in Tacurong. Verwandte halfen ihr, wie auch andere, die an ihre Arbeit glaubten. Ebenso schrieb sie eine wöchentliche Kolumne für die Lokalzeitung »Madam Witness«, nachdem ein Artikel über sie in PCIJ Internetmagazin erschienen war. Zuvor berichtete sie ebenfalls in einem loka- len Radioprogramm und war sogar von der Kapisanan ng mag Brodkaster ng Pilipinas akkreditiert.

Sie war jedoch eher zufällig Journalistin, denn sie ist vor allem ermordet worden, weil sie eine Whistleb- lower und Antikorruptionsaktivistin war. Ihre Familie sagt, dass viele Menschen für das, was sie tat, wüt- end auf Marlene waren. Ihre Freunde und Familie haben sie regelmäßig gewarnt und dazu aufgefordert, langsamer und vorsichtiger zu sein.

Einmal sagte sie jedoch, »ich bin in diesem Bereich nicht neu. Ich bin mit Waffen groß geworden. Mein Vater war Bauer und wurde zum Polizeichef unserer Stadt ernannt. Danach ist er Gemeindeabgeordneter geworden. Es gab viele Morddrohungen gegen ihn. Er hat zwei Mordversuche überlebt, aber zwei meiner Onkel waren weniger glücklich. Sie sind den Kugeln der Mörder zu Opfer gefallen.« Wie ihre Onkel und so viele andere vor ihr ist Marlene ermordet worden, da sie an einem gewaltsamen Ort wohnt, wo man mit bloß einer einzigen Kugel die zum Schweigen bringen kann, die Gerechtigkeit suchen, und damit sogar die unermüdlichste Kampagne beenden. Link: asienhaus