Die CPP-NPA und die Intellektuellen
Dieser Überblick über die historische Entwicklung der CPP-NPA gliedert sich in drei Phasen: die Phase des Aufbaus und der Stärke (1968-1986), die Phase der sich entwickelnden Krise nach der Ablösung des Mar- cos-Regimes (1986-1992), und die Phase der Spaltung und Neukonstitution (1992 bis heute).
Diese Phaseneinteilung entspricht weder derjenigen der offiziellen Parteigeschichte noch solcher Einteil- ungen, die in Analysen über die Parteientwicklung bislang angewandt worden sind. Es mag auch nicht stimmig sein, die Periode von 1968-1986 in eine Phase zusammenzufügen, wenn ein rein historischer Zugang im Mittelpunkt steht.
Dies ist hier allerdings nicht der Fall. Die Phaseneinteilung entspricht viel eher der grundlegenden Frage- stellung der Arbeit und markiert drei qualitativ unterscheidbare Abschnitte, die in Bezug auf die Dialektik Partei-Intellektuelle festgestellt werden können. Dass diese Dialektik immer eng mit der jeweiligen hist- orischen Konjunktur verknüpft ist, liegt auf der Hand.
1968-1986 – Gründung, Aufbau und Stärke
Die Gründung der heutigen CPP erfolgte im Jahr 1968, offiziell am 26. Dezember 1968, dem Geburtstag Mao Tse-Tungs. Der offizielle Gründungskongress dauerte vom 26. Dezember 1968 bis zum 7. Jänner 1969 und endete mit dem Beschluss des offiziellen Parteiprogramms sowie der strategischen Leitlinie „Programme for a People’s Democratic Revolution in the Philippines“. Im Rahmen dieser Dokumente wurde jener stark an Mao orientierte ideologische, politische und strategische Rahmen beschlossen, der bis heute die Grundlage der Parteilinie bildet:
„Philippine society today is semicolonial and semifeudal. This status is determinedby U.S. imperialism, feudalism and bureaucrat capitalism which now ruthlessly exploit the broad masses of the Filipino people. These three historical evils are the basic problems that afflict Philippine society. Because of the semicolo- nial and semifeudal nature of Philippine society, the present stage of the Philippine Revolution cannot but take a national- democratic character.“
Diese drei zentralen Elemente, die Analyse der Philippinen als semikoloniales und semifeudales Land un- ter der Herrschaft des US-Imperialismus, und die daraus folgende Zielsetzung einer nationaldemokrati- schen Revolution, sind die theoretische Basis in der Begründung der primären Interventionsmethode, des lang andauernden Volkskrieges.
Zwei Faktoren waren für die Neugründung der CPP 1968 hauptsächlich verantwortlich. Zunächst war dies die Entwicklung einer radikalen Studentenbewegung, die vor allem an der nationalen Universität,der Uni- versity of the Philippines, UP, verortet war und sich politisch stark an Mao und dem Viet-Cong orientierte. Diese Orientierung brach mit der alten Kommunistischen Partei, die nahezu jeden Einfluss im studentisch- en Bereich verlor.
Die UP war also jenes Reservoir, aus dem sich die ersten Kader der CPP entwickelten. Der zweite, damit eng zusammenhängende Faktor war die Spaltung der alten Kommunistischen Partei, die seit Ende des 19. Jahrhunderts existierte und die nach ihrem bewaffneten Arm benannte HUK-Revolte gegen die US-Be- satzung nach 1945 angeführt hatte.
Nun wurde ihren Anführern, den Lava-Brüdern, gerade vor dem Hintergrund der chinesisch-sowjetischen Auseinandersetzungen eine „kompromisslerische“ Haltung vorgeworfen. José Maria Sison, der spätere Gründer der CPP, ging in der Radikalität der Vorwürfe, speziell nach der Integration der Lava-KP in das Machtgefüge der jungen Republik und seiner damit einhergehenden parteiinternen Kaltstellung, noch weiter:
„So incensed were the people that they wanted to fight back and continue the people’s war. But the bourgeois reactionary gang of the Lavas and Tarucs insisted on the line that the people were tired of war and that a campaign for „democratic peace” was called for.”
Vorwürfe, denen die alte KP angesichts der zunehmenden politischen Radikalisierung der intellektuellen Schichten, wie auch des Proletariats und der Landbevölkerung wenig entgegenzusetzen hatte. Gerade in der Zeit der Massenproteste gegen den Vietnam-Krieg,in dem die Philippinen eine zentrale Rolle als logis- tische Basis für US-Truppen spielten, trug die Linie der Kooperation der Lava-KP dazu bei, die ursprüng- lich kleine Abspaltung schnell anwachsen zu lassen.
Wobei die CPP jedoch aufgrund ihrer divergierenden und nur zu einem minoritären Teil aus der alten KP stammenden personellen und politischen Zusammensetzung in weiterer Folge nicht als Abspaltung, son- dern als originäre Neugründung zu verstehen ist. Die Konstitution des bewaffneten Arms der CPP, der New Peoples Army NPA, erfolgte allerdings größtenteils durch kampferprobte Kader der HUK.
Die entscheidende personelle Verbindung zwischen diesen beiden Prozessen bildete eben jener José Maria Sison, der sich, ursprünglich aus einer Landbesitzerfamilie aus Nord-Luzon stammend,sehr früh im Rahm- en der nationalistischen Bewegung radikalisierte. Sison war seit 1959 politisch aktiv und wurde in der zweiten Hälfte der 1950er- Jahre von der Lava-KP16 direkt ins Exekutivkomitee angeworben.
Später wurde er Leiter der Jugendorganisation. Zugleich war Sison stark an der University of the Philip- pines (UP) verortet und dort bereits als Assistent beschäftigt. Historisch kann die Bedeutung der UP bei der Entwicklung der radikalen Kräfte der Linken – wie im Übrigen auch bei der Entwicklung der bewaff- neten Organisationen der Moro – kaum überschätzt werden.
Dies hing insbesondere damit zusammen, dass die UP eine der ersten Institutionen des Landes war, die englischsprachigen Unterricht auf Universitätsebene anbot und als öffentliche Universität zum Sammel- becken radikaler Kräfte aus dem ganzen Land wurde:
„The huge expansion of English-language education produced distinct, politically significant, new social groups. Smallest was a radical intelligentsia, largely of bourgeois and petty-bourgeois urban origins, and typically graduates of the University of the Philippines. Among them was Nur Misuari, who in the later 1960s formed the Moro National Liberation Front in the Muslim southwest. Still better known was José Maria Sison, who founded the New People’s Army.”
Sison wurde eine Universitätskarriere aufgrund seiner politischen Aktivitäten allerdings verwehrt, was eine wesentliche Bedingung seiner folgenden Konzentration auf die politische Ebene war. Es ist weitgeh- end unbestritten, dass Sison das Verdienst der Zusammenführung der beiden angeführten Faktoren zur Gründung der CPP-NPA zukommt – dementsprechend wurde er unter dem Kampfnamen Amado Guerrero zu ihrem ersten Vorsitzenden gewählt.
Unter diesem Namen veröffentlichte Sison 1970 auch „Philippine Society and Revolution“, das sich sprunghaft zu einem der bis heute populärsten Bücher der Philippinen entwickelte und seinen „mythisch- en“ Ruf auf dem Campus der UP begründete. Von Kommentatoren wie Patricio Abinales wird PSR aller- dings nicht als ein hervorstechen- des intellektuelles Werk charakterisiert.
Vielmehr zeichne es sich durch vereinfachte, sehr an Mao und der Kommunistischen Partei Indonesiens, mit der Sison engen Kontakt pflegte, orientierte Stehsätze aus. Der überragende Erfolg erkläre sich vor allem aus dem perfekten Timing: die Zeit sei, sowohl in der Studentenbewegung als auch in der tradition- ellen Arbeiterbewegung–für dieses Buch reif gewesen. Zugleich bot es (und bietet es bis heute) eine kom- pakte Übersicht der Geschichte der Philippinen bis in die 1970er-Jahre, die mit zahlreichen empirischen Daten angereichert ist und trotz der starken dogmatischen Elemente gut und einfach lesbar bleibt – Ele- mente, die einer stärker wissenschaftlich orientierten Analyse nur selten eigen sind und erklären, warum das Buch bis heute in breiten Teilen der Linken als Studienbuch eingesetzt wird.
Es konnte so gewissermaßen zum „Roten Buch“ der philippinischen Revolution werden. Auf jeden Fall wurde PSR zum Ausgangspunkt eines beispiellosen Wachstumsprozesses der Partei,dem auch die Erklär- ung des Kriegsrechtes durch Ferdinand Marcos 1972 und Joma Sisons Verhaftung 1977 nichts anhaben konnten. Anderson vertritt sogar die Meinung, dass die Einführung des Kriegsrechtes zu einer substan- ziellen Stärkung der illegalen kommunistischen Bewegung geführt hat, da die legalen Gruppierungen der Verschärfung der Situation nicht gewachsen waren.
So konnte die Stärke der NPA von ihrer Gründung 1969 mit 60 Kämpfern und ganzen neun automatisch- en Waffen auf 1.320 Kämpfer mit ca. 1.500 Waffen bis zur Ausrufung des Kriegsrechts 1972,und schließ- lich auf bis zu 25.000 Kämpfer und 15.000 Feuerwaffen auf ihrem Höhepunkt 1986/87 gesteigert werden, als bereits weite Landstriche der Philippinen der staatlichen Kontrolle weitgehend entglitten waren. Auch genoss die NPA, nicht zuletzt aufgrund der strikten Durchsetzung eines Regulativs, das eine Unterstütz- ung der Zivilbevölkerung zur Maxime des Kampfes machte, einen ausgezeichneten Ruf.
Wenngleich dieser ungeheure Wachstumsprozess nach einem nahezu unvermeidlichen Erfolg (und einer daher unmittelbar bevorstehenden Machtübernahme) klingt, brachte er doch in der Praxis mannigfaltige Probleme mit sich. Angesichts des angewandten maoistischen Grundprinzips der „strategischen Zentrali- sierung bei gleichzeitiger taktischer Dezentralisierung“ entwickelten sich sehr unterschiedliche Praktiken innerhalb der verschiedenen Partei-Organisationen, insbesondere in der Hauptstadt Manila, die unter der Verantwortung des innerparteilich starken Manila-Rizal-Komitees stand.
Abinales sieht in der relativ erfolgreichen Anwendung dieses Prinzips zwar eine der Grundbedingungen des schnellen Wachstums der Organisation, allerdings auch die Hauptursache für die kommenden Pro- bleme, sobald eine regionsübergreifende Politik notwendig geworden war. In Anbetracht der beständig drängenden praktischen Aufgaben wurden diese schon anfangs sich entwickelnden Unterschiedlichkeiten bestehen gelassen und kaum problematisiert. So wurde etwa nach 1968 kein weiterer Parteikongress durchgeführt und das durch Verhaftungen immer wieder geschwächte Zentralkomitee zentralisiert nach- besetzt.
Auch bei den einfachen Kadern führte dieses rasante Wachstum zu Defiziten, die primär auf der Ebene der politischen und ideologischen Bildung lagen.Die meisten NPA-Militanten durchliefen einzig eine Grund- schulung, die nur aus einzelnen Schlüsseltexten der Partei (und manchmal noch den „Fünf Schriften“ von Mao) bestand. Diese Problematik ist zentral im Rahmen des von Sison benannten „Problem[s] des richtigen Verhältnisses von Wachstum und Konsolidierung“. Lösungen versuchte Sison mittels der Schrift „Our Urgent Tasks“ zu geben, allerdings ohne signifikante Änderungen in der Herangehensweise.
„Those who have an advantage in book learning must link themselves closely to andlearn from the toiling masses of workers and peasants and from our comrades who have an advantages [sic!] in experience. At the same time, comrades who are of worker and peasant status must not shirk the responsibility of rela- ting their experience to theory and asking that theory must be disclosed in a language easy to under- stand.“
Offenbar lag die Ursache also nicht in falschen Verhältnismäßigkeiten und einer daraus folgenden fehler- haften Strategie des Organisationsaufbaus, sondern lediglich im Lapsus, sich nicht genug angestrengt zu haben und in herkömmlichen Mustern verhaftet geblieben zu sein. Die sich vorwiegend aus traditionellen Intellektuellenschichten rekrutierenden NDF- Mitglieder wiederum beklagten die ihnen beinahe aus- schließlich zugedachte Rolle in der Parteipropaganda und ihre mangelnden innerparteilichen Entfaltungs- möglichkeiten:
„National democratic movement intellectuals, including student leaders, becamefrustrated over the years by the Party’s limited conception of their role in the revolution as ‚propagandists’.“
Allerdings dürfte es sich dabei nicht um die Resultate schematischer Herangehensweisen oder simple Vernachlässigungen wie mangelnde Flexibilität handeln, sondern um bewusste Prozesse, die aus einer eigentümlichen antiintellektuellen Einstellung der ZK-Kader erklärt werden können. So bemerkte schon José Maria Sison in seiner nach dem Vorbild Maos angelegten Klassenanalyse der philippinischen Gesell- schaft im Rahmen von PSR:
„The people’s democratic revolution cannot be advanced without the participation of revolutionary intel- lectuals. Nevertheless, it must be recognized that intellectuals are characteristically subjective, individua- listic, impetuous or easily cowed because of their petty-bourgeois origin, living conditions and political outlook. They are susceptible to counter- revolutionary ideas, including modern revisionism centered in the Soviet Union and pseudo-revolutionary ideas as those of Che Guevara, Herbert Marcuse and Regis Debray, to say the least.
They can overcome their weaknesses and shortcomings only by deeply involving themselves in mass struggles over a long period of time. Some will drop out and a few will even become enemies of the revolution but others will revolutionize and remould their thinking and persist in the ranks of the revolu- tionaries. At all times, the proletariat should be alert to their weaknesses.“
Der Anti-Intellektualismus ist dabei nicht absolut,sondern wird eng mit dem Faktor innerparteilicher Kon- trolle verknüpft (schließlich bezieht sich die „Wachsamkeit des Proletariats“ primär auf dessen organisier- te Vorhut, die Partei). Die Verknüpfung mit konkreten historischen Figuren der kommunistischen Linken wie Che Guevara oder Regis Debray zeigt zudem, dass von Beginn an die Bereitschaft angelegt war, poli- tische Auseinandersetzungen innerhalb der Parteiorganisation über den Intellektualismus- (und im breit- eren Rahmen den Kleinbürgerlichkeits-) Vorhalt zu spielen. Dies zeigt auch die sehr enge Definition von Wissenschaftlichkeit in PSR, die wiederum den innerparteilichen Kontrollgedanken spürbar macht:
„A scientific culture must be propagated in order to oppose the reactionary idealismdished out by imper- ialism and feudalism and also the superstitions that still persist. A united front of the scientific thought of the proletariat and the progressive aspects of bourgeois materialism and the natural sciences can be made. But at all times, the theory of Marxism-Leninism- Mao Tsetung Thought must be the leading core of this scientific culture. It should serve as the guide for the practical movement of the revolutionary masses as well as for the ideological remolding of intellectuals.“ Link: working.papers
